Facebook & Unternehmen: Wenn Deine Fans nicht Dir gehören.
Traumjob “Spieledrehbuchschreiber”?
“… ist in einer Beziehung” – die Welt und ihr Abbild im Netz
“Die können nicht einfach mein Haus ins Internet stellen!”
Deutschland jagt einen Mann

Welcome to the Scene!

Einer der Gründe, warum es hier im Blog zur Zeit ein wenig ruhiger ist, liegt darin, dass wir im echten Leben alle furchtbar beschäftigt sind. Uni, Job, Frühlingsgefühle. Bei manchen alles auf einmal.
Zugegeben, es könnte schlimmer sein ,)

Daher habe ich erst auch gar nicht so recht verstanden, warum Christian mich vorgestern sichtlich begeistert via IRC bat, doch bitte mal schnellstens die Webseite “The Scene” zu besuchen. Sicher, Tipps von Christian sind fast immer interessant, die Beschäftigung mit ihnen allerdings nicht selten recht zeitintensiv. Und bitte, ein “Amateurvideo” über die Raubkopierer-Szene?

“The Scene” ist anders. Von einer neuen Filmform zu sprechen, mag vielleicht ein klein wenig übertrieben sein, das macht die 40 bis 50 MB großen Videoclips aber nicht weniger faszinierend. Und ja, man will, nein, eigentlich muss man es sehen. Am besten Nachts. Allein vor dem Gerät:

Vom Kintopp zum Desktopp:
“THE SCENE” und IRC als neue filmische Form

mit freundlicher Genehmigung von Christian Heller,
Erstveröffentlichtung in seinem Blog plomlompom:

Nach diesem Slashdot-Eintrag hab ich mir sämtliche bisher fünf Folgen der Internet-Fernsehserie “The Scene” runtergeladen. Die thriller-hafte Handlung findet im Umfeld jener Internet-Gesellen statt, die in abgeschlossenen engen IRC-Zirkeln unter regem Konkurrenzkampf mit Anderen aus ihrer ‘Szene’ sich Filme vor ihrer Veröffentlichung (Kino oder DVD) besorgen, rippen und dann ins Internet stellen.

Nun stellt sich die Frage, wie dies filmisch umsetzen, schließlich geht es vorrangig um blasse Nerds, die vorm Computer sitzen und, abgesehen von einem Rip-Programm im Hintergrund, nix weiter tun, als zu chatten, ihren Rechner rechnen zu lassen und sich Dateien zuzuschicken. Die billige Lösung wäre jetzt, das Geschehen zu entnerden, die Protagonisten wild vorm Bildschirm gestikulieren zu lassen, sie vom Stuhl hochzujagen, die abstrusesten Kamera-Positionen zu probieren …

Nix da. Das hier ist Nerd-Kino vom Feinsten. Die äußere Welt ist uninteressant. Die gesamte Handlung spielt sich … auf dem Computermonitor ab. Man sieht durchgängig und in Echtzeit einen ungeschönten Windows-Desktop; die Handlung ereignet sich in den Fenstern von mIRC, in dem Channel, in dem die Ripper-Gruppe rumhängt; in dem bevorzugten Instant Messenger, auf dem die Freundin unsittliche Avancen macht und man mit chinesischen Raubkopienhändler verhandelt; dem Browser, mit dem Slashdot und Boing Boing gecheckt werden; dem Rip-Programm, das an einem Screener arbeitet usw. Als einziges Zugeständnis an den Spielfilm gibt es ein kleines Videofenster in der oberen linken Ecke, das webcam-artig den Protagonisten vorm Computer zeigt, wo allerdings bis auf ein zwei Ausnahmen kaum was Bemerkenswertes außerhalb des digitalen Universums geschieht.

Wirkt dieses Konzept in der Einführungs-Episode noch etwas zäh, zumal kaum Sensationelles geschieht, gelingt es den Machern rasch, ihre eigenwillige Form dramaturgisch gekonnt auszunutzen, als sich die Handlung weiterschraubt. Wer einen nennenswerten Anteil seines Lebens im IRC verbracht hat, weiß um das eigentümliche Spannungs-Potential, das selbst dieses reine Textmedium in Ausnahmefällen gerade durch die physische und sinnliche Unerreichbarkeit der Gesprächspartner entfalten kann. Zweideutigkeiten in Äußerungen sind hier weitaus üblicher und haarsträubende Bemerkungen weitaus leichter getan (siehe diverse Beispiele bei bash.org). Ein Hinter-dem-Rücken-Anwesender-Flüstern ist über IRC-Query viel intriganter möglich als in der physischen Realität. Zugleich kann das Warten auf das Ob und das Wann und das Wie einer Antwort auf eine riskante Äußerung, da man den Gegenüber ja nicht tippen sieht, zuweilen nervenaufreibender sein als in der wirklichen Welt.

Der dramaturgischen Möglichkeiten dieser Mechanismen sich durchaus bewusst, entwickelt sich eine in ihrem kleinen Mikrokosmos durchaus ernsthaft entfaltende Geschichte über Moral, Verrat, Intrige, Betrug und Erpressung innerhalb der Maßstäbe einer interessanten IRC-Subkultur mit eigenem Ehren- und Verhaltenskodex.

Ich ließ das Ganze in einem mplayer-Fenster zwischen eigenem Gaim und IRC, ebenfalls rege bequasselt, laufen und hatte so den totalen Overkill von offenen Chat-Fenstern meiner eigenen Realität und offenen, hin und her geklickten Chat-Fenstern der Filmrealität, so dass ich die Grenze zwischen beidem gar nicht mehr klar wahrnahm. Sehr verwirrend, aber durchaus interessant.

Vielleicht eine neue Filmform?
Ich warte ja noch auf, als Äquivalent, einen Usenet-Thriller …

Nachtrag: Episode 6 von “The Scene” geht am 25. März online (Die Tippse).

Trackbacks

  1. Martin Pyka
    20.03.2005, 19:54 Uhr
  2. xchylde speakin but mostly writing
    20.03.2005, 21:46 Uhr

Kommentare

  1. Hammer!

    Habe direkt mal reingeschaut und fand allein die ersten beiden Folgen schon spannend, obwohl außer einigen Textpassagen und dem rar gesähten Audiokommentar echt nicht viel passiert!
    Freu mich schon auf die 3te Episode (welche hoffentlich in einigen Minuten fertig ist :)

    PS: Wie geht das eigentlich mit dem Trackback? Habe mal auf deinen Eintrag von mir aus verwiesen… habe das System vom “Trackback” noch nicht so kapiert :?

    Constantin
    20.03.2005, 21:00 Uhr, #
  2. … ich nochmal… habe blöderweise in der URL das http vergessen, sorry! Und wird nich mehr vorkommen :)

    Constantin
    20.03.2005, 21:01 Uhr, #
  3. Natürlich weit von der Realität entfernt.

    Dafür aber äußerst spannend anzugucken :)

    Gutes Buch, klare Daumen nach oben!

    Andi
    21.03.2005, 14:19 Uhr, #
  4. Finde es recht gut gemacht und auch durchaus unterhaltsam, selbst wenn die Messlatte dieses Genre nicht ganz erreicht wird. “Reefer Madness” ist eben nicht leicht zu toppen.
    Warum die Erscheinungstermine der einzelnen Folgen so weit auseinanderliegen ist mir ein Rätsel. Verschwörungstheorien ?

    lhe
    22.03.2005, 02:24 Uhr, #
  5. BTW: Episode 6 von The Scene ist nun online (65MB).

    Jörg-Olaf Schäfers
    24.03.2005, 13:24 Uhr, #
  6. IRC-Zirkel? Ja genau, die ‘Szene’ spielt sich im irc ab. ;-0
    Ist in Wirklichkeit der Tastatur-Zirkel, weil viele eine Tastatur benutzen.

    Sehr informativ und realistisch…nö.

    Emule Kazaa
    11.06.2005, 16:08 Uhr, #
  7. gibt mittlerweile übrignes epsiode 19 ;)
    man wie schaffst du es mit so einem uralt eintrag bei google auf platz 2 für die suche nach welcome to the scene?

    ch33p
    04.04.2006, 17:38 Uhr, #
  8. das frag ich mich aucb

    l33ch
    16.05.2006, 20:49 Uhr, #
  9. Oo schon wieder hier gelandet
    mittlerweile ist übrigens V2 erschienen, die erste staffel mit episode 20 erfolgreich beendet und die quali der folgen ist doch gesunken…

    ch33p
    19.08.2006, 19:28 Uhr, #

Kommentar verfassen

Bitte an die Netiquette halten. Name und E-Mail sind Pflichtangaben,
E-Mail wird nicht veröffentlicht

Autor Jörg-Olaf Schäfers

Datum 19.03.2005, 19:59

Tags ,

Share  auf Facebook teilen via twitter teilen auf delicious.com speichern

medienrauschen.de ist eine Veröffentlichung der medienrauschen UG (haftungsbeschränkt), medienrauschen.com
2004-2010, Alle Rechte vorbehalten. Die Rechte der einzelnen Einträge liegen bei den jeweiligen Autoren.
Datenschutzrichtlinien. Weitere Informationen: Medienrauschen, Archiv, Impressum, Kontakt