Wer ein Gefühl dafür bekommen möchte wie es Adolf Grünbaum wohl ergangen wäre, hätte es ihn so gegeben wie von Ulrich Mühe dargestellt, der sollte in der ostdeutschen Provinz, am besten in einer so genannten „No Go Area“, eine Vorstellung der neuen Hitler-Komödie „Mein Führer“, von Dani Levy, besuchen. In zur Zeit stattfindende Preview-Vorstellungen werden offenbar wohlinstruierte und -organisierte Jungnazis geschickt, die mit provozierendem Gelächter an den unpassensten Stellen deutlich machen, wer mit dem Film eigentlich angesprochen werden soll.
Eine surreale Erfahrung, angesichts der Kommentare, die wohlfeile Berufsbedenkenträger, wie Ralph Giordano, nun wieder, sprichwörtlich auf Knopfdruck, von sich geben. Wir brauchen keine „Witzepolizei“, möchte man ihnen mit Serdar Somuncu zurufen, das übernehmen schon die Glatzen aus der ersten Reihe, die ihre Kinokarten in deutscher Gründlichkeit lange vor allen anderen Kinobesuchern reserviert haben.
Wir brauchen diese Komödie wie nichts anderes. Aber es ist kein befreites Auflachen, das sich da im Kinosaal Bahn bricht, wenn Hitler von seiner Hündin Blondie bestiegen wird, es ist ein eher eher trotziges, ein „Gebts ihm!“-Lachen. Hitler war überreif für eine deutsche Parodie. Doch diese Tragikkomödie ist, nach „Der große Diktator“ und „Das Leben ist schön“, der erste Film, der die Unbelehrbaren und Frischverblödeten endlich wirklich trifft. So trifft, wie z.B. auch die „Hitler-Kebap“-Show von Serdar Somuncu und sie zu lächerlichen Provokationen veranlaßt. Und es müssen ein türkischstämmiger Deutscher oder ein gebürtiger Schweizer, wie Levy, sein, die Hitler und seiner Clique nicht ein – mehr oder weniger – ungewolltes Denkmal setzen, wie z.B. in „Der Untergang“ oder verguidoknoppisierten authentischen Filmdokumenten, sondern die Hitler als eine, im Grunde bedauernswerte Kreatur und seine Entourage als den Haufen ebenso bedauernswerter wie serviler Schiffsschaukelbremser zeigen, die sie waren.
Der Film ist ein trojanisches Pferd. Adolf Grünbaum ein Vexierbild.
Setzen Sie sich in ein Kino in einer „national befreiten Zone“, in der sächsischen Schweiz, oder in Brandenburg und fühlen Sie sich wie ein Jude im Herz des Bösen, konfrontiert mit einem Diktator, der den Schauspielunterricht „seines Juden“, Prof. Adolf Grünbaum, zur inneren Reinigung, zur Katharsis nutzt und seinen „Lehrer“ zur psychoanalytischen „Übertragung“ zwingt, die den permanent geplanten Mord an dem Würstchen aus Braunau schier unmöglich zu machen scheint.
Sie werden natürlich keine bekehrten „Nationalsozialisten“ den Kinosaal verlassen sehen, aber das bellende Lachen wird zusehends leiser, die Gespräche nach dem Film bemerkenswert kleinlaut, auch wenn der Rottenführer die Stimmung mit anzüglichen Witzchen über Eva Braun zu heben sucht.
Es soll Hitlerkomödien regnen, bis sie uns so zum Halse heraushängen wie “Erkan und Stefan” und bis wir über Hitler und seine – gar nicht so heimlichen – Verehrer völlig befreit lachen können, wie über einen wirklich guten Witz. Der Film „Mein Führer“ ist ein überaus gelungener Anfang!
Trackbacks
Kommentare
Ich war anfangs wieder gewillt, aufzubrausen. Warum nur, warum wird immer wieder der OSTdeutsche Neospinner heranzitiert, wenn man die Aktualität des braunen Miefs verdeutlichen will? Aber ach, es ist nun mal so. Leider. Aber ich kann und muss auch immer wieder sagen: Der Osten ist nicht braun. Nicht mehr als Süden, Norden und Westen.
Ansonsten: Dem gelungenen Beitrag oben ist sonst nichts weiter hinzuzufügen.
Danke.
06.01.2007, 13:31 Uhr, #
@Pest Krause:
Das mag wohl so sein. Der Unterschied is jedoch das sich hier im Norden, zumindest Ecke Wilhelmshaven – Bremen, keine Braune Saat sich wirklich öffentlich zeigt. Nicht weil das eine “Untergrund” Organisation ist, vielmehr stoßen die Spinner hier auf öffentlichen Widerstand. Und der Fehlt zu oft im Osten. Dort wird gedultet und weggeschaut. Und das ist das üble an der Sache.
06.01.2007, 15:47 Uhr, #
Wie mobilisierst du öffentlichen Widerstand, wenn du mit einer Menge von Fremden im Kino sitzt? Das ist ja gerade der Vorteil dieser Taktik der Rechten, dass sie geschlossen und überraschend in eine heterogene Gruppe eindringen, die kein Gruppengefühl wie bei Demos oder ähnlichem, entwickeln kann. Jeder ist für sich mit dem Problem der Zivilcourage konfrontiert: Würden die anderen etwas machen, wenn ich etwas mache? Außerdem und das ist ja das wichtige: Die Rechten machen nichts, sie sind nur präsent. Es geht nur um Anwesenheit und Einschüchterung.
06.01.2007, 16:00 Uhr, #
Interessanter Kommentar. Und vielleicht lernen einige Hohlköpfe doch etwas von dem Film …
07.01.2007, 09:43 Uhr, #
Tolle Links, Danke!
07.01.2007, 23:31 Uhr, #
Keine Braune Suppe Ecke Bremen???
Schläfst Du???
…das hat doch nun jeder im Fernsehen gesehen. Rieger mit seinen Hohlbirnen hat erst sein Unwesen im Raum Soltau, dann in Dörverden bei Verden getrieben und jetzt ist er in Delmenhorst am Werk. Es wird viel dagegen getan – richtig – und das ist gut so!
Ich freu mich sehr auf diesen Film!
08.01.2007, 19:48 Uhr, #
ich muss mich da pest krause anschliessen: Der Osten ist nicht braun. Nicht mehr als Süden, Norden und Westen.
und sicher gibt es im osten gegenden mit einem recht hohem nazianteil, eben genau wie im rest der republik.
08.01.2007, 22:34 Uhr, #
Mein Mitbewohner hat mal eine interessante These dazu geäußert, warum der Rechtsextremismus so stark mit dem Osten verknüpft wird. Er dient als Projektionsfläche für die Ängste der Westdeutschen. Solange man den Rechtsextremismus dort verorten kann, ist er nicht hier. Das ist übrigens bei der Problematik der Arbeitslosigkeit ähnlich.
08.01.2007, 22:42 Uhr, #
wow, Klingspor, mal einer, der versteht, was hier abgeht :-)
09.01.2007, 11:07 Uhr, #
Ein grausamer, unlustiger Film, aber was erwartet man, wenn Levy wiederholt seinen Film ändert, nachdem seine eigentümliche Belehrsamsparodie den “control groups” nicht gefallen hat? “Kunst” nach den abgründigsten Marketingkriterien, kein Wunder dass Schneider sich vom Film schon distanziert hat. Die furchtbaren Ereignisse des Krieges, die Zerstörung Deutschlands und der europäischen Juden, darüber darf man lachen, alles lustig, haha, wir sind so aufgeklärt und fortschrittlich usw. Nur: Der Film ist eine groteskte Schöpfung hyperpolitischkorrekter Parteiischen und niveauloser, skrupelloser Marketingspießgesellen.
10.01.2007, 09:22 Uhr, #
@ Lubitsch
Hast du Quellen fuer das was du da sagst? Also, das soll jetzt
nicht veraergert oder provozierend klingen, ich wuerd nur einfach gern wissen ob das stimmt, das mit der Kontrolle und Helge der sich distanziert usw…, weil ich eigentlich vorhabe den Film anzuschauen. Die Ausschnitte auf der Homepage des Films fand ich nett, das Thema ist gut und wichtig und Levy macht feine Filme. Finde ich zumindest. Und wenn ich was hasse, dann ist es 8 Euro (bzw. 16, ich geh natuerlich mit meiner Frau) auszugeben und mich dann aergern zu muessen ueber einen durchschnittlichen Film. Zumal ichs auch nicht so dicke hab…
23.01.2007, 23:05 Uhr, #
Soso, lachen soll man also, wenn Hitler von seinem Hund bestiegen wird. Ist das der anspruchsvolle Humor, der uns in den MEdien und Knopp Berichten immer wieder von den Juden bescheinigt wird? Ich fürchte nicht!
Wenn Hitler so ein lächerliches Würstchen gewesen sein soll, warum vergeht dann kein Tag, an dem er nicht irgendwo in dem Medien auftaucht? Es ist nun mehr als 60 Jahr her, dass er auf der Hochphase seiner MAcht gewesen war, aber er scheint immerfort zu leben! Wir setzen ihn damit doch ein Denkmal, und wer will das denn?
Und noch was: Hitlers Politik war so schrecklich und grausam, gerade den Juden gegenüber, dass diese ímmerwieder jede Chance nutzen, damit Geld zu machen.
Hitlerparodien gibt es ja wie Sand am Meer (Harald Schmidt Show, der Bunker Video, Bully etc.), aber an seinem Status, der immernoch Faszination ausübt hat dies nichts geändert. Wir lachen auch tagtäglich in teilweiser absurder Weise über die Damen und Herren im Bundestag, trotzdem werden sie immer wieder gewählt. Warum sollte das bei Hitler anders sein? Die Hoffnung, dass die Rechten endlich von ihrem Idol ablassen´, wenn dieser nur immer wieder lächerlich gemacht wird, wird wohl ins Gegenteil umschlagen.
06.02.2007, 16:56 Uhr, #
warum wird in deutschland immer nur zum vorteil des kartenverkaufs “diskutiert” und “aufgeregt” und nie um die sache selbst!
der hype ist kalkül und dient nur dem kartenverkauf!
das mausnasen magazin!
11.04.2007, 22:25 Uhr, #