Eigentlich musste es so kommen. Nein, wirklich, es war absehbar.
Irgendwo, in irgendeinem Archiv, wird man, früher oder später, immer ein Bild – oder zumindest einen Hinweis – finden, mit dem man einen Zusammenhang zwischen einem Claim einer aktuellen Werbekampagne und der Nazizeit konstruieren kann.
Und genau dies ist nun der umstrittenen Mutmacher-Kampagne “Du bist Deutschland” passiert. Seit ein paar Tagen macht ein Bild im Internet die Runde. Entstanden ist es, so verrät es die Bildunterschrift, angeblich 1935 in Ludwigsburg Ludwigshafen.
Zu sehen: Ein überdimensionales Potrait von Adolf Hitler und ein nicht minder überdimensionales Banner mit der Aufschrift “Denn Du bist Deutschland” in Frakturschrift.

Für engagierte Bürosurfer ist die Sache klar: Nice Photoshop! Selten so gelacht! Allerdings ein wenig geschmacklos.
Allein, es handelt sich, wie Andreas und Thomas vom Spreeblick-Syndikat inzwischen herausgefunden haben, tatsächlich um ein Bild aus Deutschlands dunkler Zeit. Veröffentlicht u.a. 1999 in einem Buch mit dem Titel “Ludwigshafen – ein Jahrhundert in Bildern“.
Autsch.
Hätten die Macher der Kampagne, immerhin die Creme de la Creme der deutschen Werbe- und Medienbranche, diesen peinlichen faux pas durch eine intensivere Recherche vermeiden können? Vielleicht, realistisch gesehen jedoch nicht. Es ist ein und bleibt Zufallsfund.
Ein Zufallsfund, der vielleicht gar nicht so zufällig ist. Gut möglich, dass sich einer der 1.6 Milliarden Kontakte an das Bild erinnert hat.
Insgesamt stellen die Medienpartner in dem Kampagnenzeitraum von vier Monaten mehr als 30 Millionen Euro Mediavolumen bereit. Dadurch werden rund 1,6 Milliarden Kontakte erzielt. Dies entspricht einer rechnerischen Reichweite von 98%. Jeder Deutsche wird durchschnittlich 16 Mal angesprochen. (Quelle: Telepolis, 27.09.2005)
Lange Rede, kurzer Sinn: Weil der Lauf der Dinge ohnehin nicht mehr aufzuhalten ist, das Kind sprichwörtlich im Brunnen liegt und mir nun keine weiteren Floskeln mehr einfallen, beteilige ich mich an der von Mario prognostizierten Rudelbildung und verweise bereitwillig auf die zugehörigen Blogeinträge von Johnny und bei Andreas.
Da gibt’s wenigstens ein paar sinnvolle Gedanken und bisher erfreulich wenig Geschrei. Bis die nächste Sau durch’s Dorf getrieben wird.
Nachtrag: Diese Sau wurde schon vorher angeworben.
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Kommentare
Das ist kein Zufall.
Sowas nennt man das wahnwitzige Walten des Weltgeistes.
23.11.2005, 01:04 Uhr, #
a propos des nachtrags: ist das nicht eher eine reaktion auf das button-urteil? siehe http://www.lawblog.de/index.php/archives/2005/11/09/gefahrlicher-button/
23.11.2005, 09:36 Uhr, #
andreas: Ja, steht dort auch im letzten Absatz des Artikels aus dem “Tübingen Schwäbische Tagblatt”:
23.11.2005, 10:36 Uhr, #
Wo ist eigentlich der Gag des Ganzen? Eine unwichtige Parteiveranstaltung der NSDAP vor 70 Jahren hatte das Motto “Du bist Deutschland”. Toll.
Ein Jahr später waren olypische Spiele in Berlin – sollte man sich deshalb auf ewig “Möge der bessere gewinnen” verkneifen?
23.11.2005, 10:58 Uhr, #
Torsten: Es gibt, wie Mario inzwischen selber schreibt, eigentlich keinen.
Macht aber nichts. Es ist ein geradezu typisches Blog-Thema. Es hat alles, einfach alles, was es braucht, um in Klein Bloggersdorf Aufmerksamkeit zu erregen (und mal im Ernst, irgendwie haben wir doch alle auf den nächsten Blog-Scoup gewartet, oder?):
1. Eine mehr oder weniger interessante Enthüllung (Die “den Medien” “entgangen” ist!)
2. Einen Nazibezug (Sex ginge auch, Nazis sind besser!)
3. Eine Kampagne (der Werbewirtschaft, die für sich selber wirbt), bei der es um dieses nationale Ding geht und irgendwie auch um eine diffuses Modell von Fremdbestimmung geht.
und natrülich – last but not least –
4. Die Möglichkeit sich als Blogger/ Quasi-Dagegenschlumpf vom
gemeinen VolkMainstream abzugrenzen.… was kein Vorwurf an Johnny ist. Ganz im Gegenteil. Gerade die entspannte Art, mit der er nun auf die Bremse tritt, finde ich recht bemerkenswert.
23.11.2005, 12:18 Uhr, #
Godwin’s Law.
23.11.2005, 16:19 Uhr, #
Wenn ich eine Passage wie die folgende im so genannten “Manifest” dieser Kampagne lese…
…dann offenbart sich im Rückgriff auf die “Volkskörper”-Idee aus Deutschlands dunkelsten Zeiten und in der dort gepflegten Kombination aus Sprache und Stil genug vom kryptofaschistischen Charakter dieser Kampage, egal wie freundlich säuselnd da irgendwelche Promineten kleine Wortfetzlein zu hypnotischem Geklimper von sich geben. Wer braucht da noch das Bild des schlechthinnigen deutschen Schreckgespenstes Adolf Hitler?
23.11.2005, 22:36 Uhr, #
Mit “Du” ist aber in dem Zusammenhang nicht der “Leser” gemeint, wie in der Werbekampagne 2005, sondern der “Führer”. Der Wortlaut des Spruchs ist zwar gleich, aber die Bedeutung durchaus unterschiedlich. Vorausgesetzt das Foto ist echt natürlich … [my2cents]
24.11.2005, 09:04 Uhr, #
Deutschland führt wieder Angriffskriege, um die Demokratie in die Welt hinaus zu tragen (wahlweise auch, um Zugang zu neuen Rohstofflagern zu erlangen) … kämpft gegen einen abstrakten, unsichtbaren Feind, “den weltweiten Terrorismus” … schränkt für diese “Jagt” Bürger- und immer häufiger elementare Menschenrechte ein … und bedient sich zum wiederholten mal der Sprache/Propaganda der NSDAP … wenn einem da kein schauer über den Rücken läuft ….
24.11.2005, 14:45 Uhr, #
Natürlich sind alle Deutschland, ob wir wollen oder nicht. Denn was sind die 3 Grundbestandteile eines Staates?
(Staats-)Verfassung, Staatsgebiet und Staatsvolk. Und die letzterem sind wir wohl eindeutig zu zählen…
Somit sind wir also auch (zumindest ein Teil von) Deutschland.
24.11.2005, 16:13 Uhr, #
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,386544,00.html sagt Spiegel Online.
24.11.2005, 19:49 Uhr, #
Wer braucht da noch das Bild des schlechthinnigen deutschen Schreckgespenstes Adolf Hitler?
Mein lieber Elias, ich bin ja vollkommen deiner Meinung; allein die Verwendung von “schlechthinnig” hat schon Tucholsky in den 20ern zurecht als Dummdeutsch erkannt.
24.11.2005, 20:53 Uhr, #
Ohne Worte, dafür aber mit einem ziemlich flauen Gefühl betrachte ich den Umstand, dass von den Verantwortlichen angeblich niemand etwas davon gewusst haben will – irgendwie kommt mir das mit dem Nicht-Wissen ziemlich bekannt vor, tja die Geschichte wiederholt sich halt…
24.11.2005, 20:56 Uhr, #
wenn überhaupt, wer will schon (der erbe) von adolf hinkel sein? – i trust 2020: http://wolfolins.com/germany
24.11.2005, 22:38 Uhr, #
“Selten so gelacht!”
25.11.2005, 18:46 Uhr, #
Dieses Bild wurde auch in einer Buchbesprechung -war,glaube ich, die “Rheinpfalz”) gewesen- vorgestellt und
dachte dabei eher, das der Ludwigsplatz
heute etwas anders aussieht.
28.11.2005, 02:13 Uhr, #
Momentmal. Der war doch Österreicher!
28.11.2005, 16:00 Uhr, #
Haha ich find das Bild voll geil :D wirklich selten so gelacht
13.09.2006, 16:36 Uhr, #
Interessant. Jürgen
17.03.2007, 22:49 Uhr, #