Jetzt mal ehrlich, Leute, Ihr wusstet doch von Anfang an, dass die deutsche „Vanity Fair“ ein Reinfall wird! Dazu hätte sie gar nicht erst erscheinen müssen. Und spätestens als der Chefredakteur, die alte “Beziehungsflasche”, feststand, war doch klar, dass hier kein Jaguarprototyp die Werkstatt verlässt, sondern eine zuverlässige, die Publikumsdurchschnittserwartungen solide abbildende Volvo-Limousine (jawohl, ich werde in der Metaphernhölle schmoren).
Ist doch eigentlich alles drin, was sich Café-Latte-Leserin und der Wildlederslipperträger wünschen. In dieser Reihenfolge: Klatsch, Enthüllungen, Skandale und Autos. Coffeetable und Frisörboutiquenlesezirkelzeitungsständer sind der natürliche Lebensraum dieser Stern-MAX-Cicero-Cosmopolitan-Gala-Promenadenmischung mit einem Einschlag von „Petra“, zumindest, was Titelblattgestaltung und –farbgebung (igitt!) anbelangt, und deshalb jammert bitte nicht rum, sondern frohlocket, ob dieser vielbeachteten Bereicherung, des aus allen Nähten platzenden Zeitschriftenmarktes.
Natürlich gibt es noch einiges zu verbessern: Die Schriftarten sind nicht gerade spektakulär und recht unübersichtlich geordnet. Das Bild-Bild-Verhältnis könnte harmonischer, das Text-Bild-Verhältnis klarer differenziert sein. Und über die Covergestaltung müsste man wohl auch noch mal nachdenken.
Til Schweiger mit einem Lämmchen im Arm auf den Subtitel der Startauflage zu setzen ist nämlich so dämlich, wie einfallslos und wurde auch eigentlich schon gebührend verrissen. Doch da der Sühne noch nicht ausreichend Genüge getan ist, soll hier und jetzt noch einmal nachgetreten werden:
Til Schweiger auf der Titelseite der Erstausgabe eines Journals zu setzen, das sich rühmt „jede Titelgeschichte um die Welt“ gehen zu lassen, mit einer Unterschrift wie: „Deutschlands größter Kinoheld intim“, ist, wie eine Barbiepuppe mit Tesastreifen als Kühlerfigur an einen Rolls-Royce zu kleben und mit Edding auf den Kühlergrill zu schreiben “Rolls-Royce! Teuer!!!“.
Wenn Ulf Poschardt im Editorial dann auch noch, mit der Aufzählung seiner Lieblingscover des amerikanischen Originals, durchaus Geschmack beweist, möchte man ihm das billige Heft (1 Euro) am liebsten … als Mängelexemplar zurückschicken und Ersatz verlangen. Aber man hat ja noch 300 Seiten vor sich … und die sind gar nicht soo schlecht:
Schotts Minisammelsurium, Michel Friedman bei der NPD (gute Idee, hinterlässt allerdings einen faden Nachgeschmack), „Brangelina“-Exclusivmeldung, Kate und Chelsy-Analyse, Boros-Bunker, Ségolène Royal-Mitterand-Sarkozy-Chirac-Liaisons-Dangereuses, Anna Politkovskaja-Tagebücher und die Barack Obama-for-President-Story sind informativ, die Filmkritiken (Glamour Girls, Rocky VI) und das verhinderte Interview (Robert de Niro) durchaus unterhaltsam und die modischen Accessoires (Kartoffelsackkleider) nunja, interessant, alles andere kann man überblättern … nur die letzte Seite, man glaubt es kaum, auch wenn man mit der ersten vorgewarnt hätte sein müssen, auf der letzten Seite ein Lückentext, ausgefüllt von Tatjana Gsell! Da dachte man schon, man sei der krokodilledernen Busenwitwe (52, sieht aber älter aus) nach ihrer unerträglichen Dauerpräsenz mit Foffileinchen auf allen Kanälen und Titelblättern, endlich entkommen und dann wird man mit so was aus diesem Heft verabschiedet, nachdem man dachte, eigentlich könnte es ja doch noch was werden mit uns. Aber Tatjana Gsell!? Wie kann man das wieder gut machen?
Indem zum Beispiel über die Ausstaffierung von Heiligendamm zum G8-Gipfel berichtet wird, die Spekulationen um die Vaterschaft François Mitterands für Ségolène Royal ausführlich dargestellt und kontextualisiert werden, eine Serie über die schönsten Wohnviertel und in ostdeutschen Großstädten gemacht wird, Zeichnungen und 3-D-Grafiken beeindruckender Architektur eingefügt, Horoskope weggelassen, historische Ereignisse und Gestalten unter ausschließlich stilistischer Perspektive betrachtet, ausklappbare und ausführlich kommentierte Szeneviertelstadtpläne der Weltmetropolen eingebaut, auch mal ein Parfum-Pröbchen oder eine DVD reingeklebt werden, auf Bilder von Angela Merkel weitgehend verzichtet, schon mal ein längerer kontroverser Essay abgedruckt und Kontext und Autor dazu ausführlich und bildgewaltig analysiert wird, mehr glamouröse Anzeigen mit normalgewichtigen Models eingebaut, echte! Nachwuchskünstler kenntnisreich vorgestellt und kunsthistorisch eingeordnet, keine Psychotips gegeben, außerordentliche Journalistenkollegen eingeladen werden, Musik nicht vergessen, Oscar Wilde reanimiert und eingestellt … sowie der Verantwortliche für Cover und letzte Seite unehrenhaft entlassen wird. Dann könnte es was werden mit uns. Vielleicht. Aller zwei Wochen. Beim Frisör.
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Kommentare
Haha, da bekommt man doch glatt Lust sich das Blatt tatsächlich mal anzusehen: Alle Klischees, in einem Heft, für einen Euro? Das ist doch wirklich selten.
10.02.2007, 15:25 Uhr, #
Ich weiß nicht, was alle Welt hat. Ich finde die Vanity Fair voll in Ordnung. Sie ist nicht weltbewegend, sie revolutioniert auch nicht den deutschen Medienmarkt. Sie ist einfach nur eine Alternative unter Vielen. Ist doch eine nette Daseinsberechtigung.
10.02.2007, 19:03 Uhr, #
Also ich verstehe nicht warum so ein Rummel um diese Zeitung gemacht wird. Erst einmal muss ich zugeben, dass ich von dem Original (wie sicherlich viele) noch nicht gehört habe, folglich auch gar nicht weiß, welcher Inhalt mich erwartet.
Der englische Name lässt mich (und sicher viele potentielle Kunden) im dunkeln. Vielleicht wäre ein verständlicher Titel besser gewesen. Was nützt schon ein toller Markenname wenn ihn in Deutschland nur den wenigsten etwas sagt. Auch durch die Titelgestaltung und Themenauswahl entsteht für mich kein klares Bild.
10.02.2007, 23:17 Uhr, #
die vanity fair ist eines der weltweit angesehensten gesellschaftsmagazine. herausgegeben wird es vom condé-nast-verlag (GQ, The New Yorker, GLAMOUR, wired.com), der auch das weltweit bekannteste modemagazin, die “vogue” herausgibt. deren chefredakteurin wurde kürzlich in einem unterhaltsamen film, “the devil wears prada”, mit meryl streep in der hauptrolle, portraitiert.
ein dossier zur zigarrettenindustrie, veröffentlicht in der amerikanischen ausgabe, wurde zur vorlage für den film “insider”, der mit russel crowe in der hauptrolle verfilmt wurde. die identität von “deep throat”, des informanten im watergate-skandal, wurde 2005 in der vanity fair enthüllt. Das cover zierten u.a. die schwangere demi moore, die nackte keira knightley und der halbnackte brad pitt, der gegen das titelbild (das nun in der deutschen auflage auftaucht) einspruch erhob.
im vorfeld der veröffentlichung der deutschen ausgabe gab es kontroversen um den chefredakteur ulf poschardt (SZ-Magazin, Welt am Sonntag), seine themenwahl und personalpolitik. außerdem startete der verlag gruner + jahr (stern, geo, neon, gala und spiegel) vor einem jahr ein konkurrenzblatt, “park avenue”, das schwer zu kämpfen hat und weit hinter den erwartungen, die man an den boulevardmagazinmarkt hat,
zurückfällt. der ehemalige vize-chef von “park avenue” ist nun vize-chef von “vanity fair”
also tüchtiges medienrauschen :o) im vorfeld – man darf gespannt sein. “park avenue” ist besser als sein ruf. bei condé nast hat man aber wahrscheinlich den längeren atem – und die besseren verbindungen … und deshalb die schöneren anzeigen …
11.02.2007, 00:05 Uhr, #
Ich muss das jetzt mal irgendwo loswerden: Ein selten dämlicheres Titelbild hätten sich die Macher wirklich nicht ausdenken können. Kann mir irgendwer mal verraten, wer Till Schweiger Fan ist? Ich kenne keinen! Gibt m.E. auch keinen Grund dafür.
12.02.2007, 13:50 Uhr, #
Die Zeitschrift ist viel zu überladen und mittelmäßig. Ich gebe Brief und Siegel, dass sie bald wieder vom Markt ist.
13.02.2007, 00:42 Uhr, #
“krokodilledernen Busenwitwe (52, sieht aber älter aus)”
Hehe, danke für diesen (Halb)Satz!
13.02.2007, 17:17 Uhr, #
war gespannt auf die erste ausgabe! pffff..fast nur müll und langweilig dazu. park avenue hat zwar auch stark abgebaut, aber gegen diesen schrott…..
20.02.2007, 11:19 Uhr, #
Also, ich habe bisher ausßer der “Test” und der “Cavallo” (aufgrund meines Pferdes) überhaupt gar keine Illustrierten gelesen. Bin arbeitsbedingt morgens auch mit drei Tageszeitungen ausgelastet.
Die Vanity Fair hat mich begeistert aus folgenden Gründen: Sie bietet einen guten Querschnitt durch alle Themengebiete, sie ist positiv (negative Schlagzeilen habe ich in allen anderen Zeitungen), ich kann entspannen und auch mal grinsen wenn ich lese und der Preis ist momentan noch unschlagbar. Die Vanitiy Fair hat nie den Anspruch erhoben besonders gesellschaftskritisch zu sein oder einen besonderen Bildungswert zu haben, deshalb verstehe ich die harte Kritik nicht. Wir brauchen nicht noch einen Stern, Focus, Spiegel oder irgendein anderes neunmalkluges selbsthasserisches Magazin, dass letztlich auch nur von reißerischen Kriegsfotos oder sarkastischer Kritik an Alen und Jedem lebt. Dazu kommt, dass die Vanity Fair nicht diesen ekelhaft klebrigen Touch einer Brigitte oder Gala oder eines dieser anderen Muttihefte hat. Ich finde Sie da wo sie ist gut und dort sollte sie auch bewertet werden. Wer weltverändernde Literatur lesen möchte, sollte sich von vornherein kein Lifestyle-Magazin kaufen, vielleicht generell kein Magazin, sondern eine gute Tageszeitung.
23.02.2007, 09:18 Uhr, #
ich find vanity sowie park av. gut..wenigstens blättere ich bei diesen beiden nicht jede zweite seite um, wie bei anderen zeitschriften die nur irgendwelche diäten, beziehungsvorschläge und langweilige modereportagen (mit natürlich viel zu teuren kleidern&accessoires) bringen. voilà :)
18.02.2008, 08:56 Uhr, #