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Spredder: Qualitätsjournalismus für alle

“Selbst der Karasek”, denkt man. Selbst der Karasek, der knappert am Hungertuch. Deswegen muss er seine Sonntags-Kolumne nun bald nicht mehr nur an die Berliner Morgenpost und das Hamburger Abendblatt verkaufen, sondern an jedes kleine Regionalblatt. Helfen will ihm dabei Spredder. Der “neue Markt für journalistische Texte”, auf dem “keine Krawallblogger”, sondern nur “erstklassige journalistische Ware” ihre Inhalte zum Verkauf stellen darf.
Verzeihung, mit “Ware” war diesmal ausnahmsweise nicht der Journalist gemeint, sondern dessen Text. Da muss man aufpassen in den Zeiten, wo Journalisten schon mal sackkarrenweise für fünf Euro gehandelt werden. Neulich erst habe ich auf eBay wieder zugeschlagen, als eine namentlich nicht genannt werden wollende Tageszeitung die halbe Redaktion für ein Appel und ein Ei weggegeben hat.

Weil also immer mehr Journalisten wenig zu tun haben, und für Hungerlöhne arbeiten sollen, will Macher Hajo Schumacher – den kennen sie vielleicht noch vom offenen Brief an Horst Schlämmer, oder aus ganz frühen Tagen als Chefredakteur von Max, vielleicht aber auch als fleißigen Biografen, der uns die zwölf Gesetze der Macht als Erfolgsgeheimnis von Angela Merkel verrät. Moment, wo war ich. Hajo Schumacher. Der will nun also den derzeitig von den Verlagen zum Dumping-Markt verkommenden Journalisten-Pool mit einem Portal beglücken, auf dem Verlage für teuer Geld nicht-exklusive Arbeiten von (bekannten, später auch unbekannten) Journalisten kaufen können. Und die Journalisten wiederum bekommen dann 50% des Geldes, das der Verlag an Spredder zahlt. Verstanden? Gut, dann haben Sie mir jetzt etwas voraus. Nein, so rein vom Inhalt her verstehe ich das. Nur nicht vom Marktmodell. Insbesondere wenn man mit durchaus bekannten Namen wie Gerhard Waldherr, Susanne Leinemann oder Achim Achilles starten.

Pro Zeichen will Spredder zwei Cent. Das klingt gut, allerdings bekommt der Autor davon nur einen Cent ausgezahlt. Den Rest verleibt sich Spredder ein. Für den Aufwand.
Schumacher führt in seinem Beispiel, für wenn Spredder interessant sein könnte, immer Tageszeitungen an: “Warum nicht ein Karasek für die Leipziger Volkszeitung”, fragt er.
Antworten wir einmal: Der Tagesspiegel zahlt freien Journalisten zwischen 77 und 100 Cent pro Zeile. Eine Zeile hat 60 Zeichen, macht pro Zeichen also ab 1,28 Cent. Schreibt ein freier Journalist also für den Tagesspiegel bekommt bei Spredder weniger raus, während der Tagesspiegel mehr bezahlt.
Gegenbeispiel, die von Schumacher angeführte Leipziger Volkszeitung. Die zahlt derzeit im Schnitt 0,50 Euro pro Zeile. Macht 0,8 Cent pro Zeichen.
Hier bekäme der freier Journalist bei Spredder also mehr raus. Nur überlegt man in der Redaktion der Leipziger Volkszeitung wohl vorher nochmal ganz genau, bevor man bei Spredder mehr als das doppelte für einen Text bezahlt.
Natürlich steigen die Zeichen-/Zeilenpreise bei einer Zeitung, wenn man den richtigen Namen hat. Insofern könnte ein über Spredder erworbener Karasek für die Leipziger Volkszeitung noch immer ein Schnäppchen sein. Dann allerdings bleibt noch immer die Frage der Exklusivität. Wenn Karasek plötzlich von jeder Tageszeitung herab blickt, lohnt die Investition nicht.
Für die Zeitung also stellt sich die Frage: Mehr ausgeben, für einen bekannten Namen – und diese Rechnung funktioniert nur bei bekannten Namen -, oder den Platz für weniger Geld füllen?

Autoren können von Spredder unter Umständen profitieren, wenn sie ihre Texte tatsächlich mehr als einmal verkaufen. Verlage allerdings werden die Mehrausgaben nur für bekannte Namen tragen, denn exklusive Geschichten gibt es nicht. Und mancher Verlag hat bereits, wenn auch unter Protest, damit begonnen eigene Content-Pools aufzubauen, auf die er wesentlich günstiger zugreifen kann.

Spredder könnte ein Pool für Magazine werden. Denn die zahlen in der Regel heute noch etwas mehr die Redaktionen von Tageszeitungen. Problem nur: Die Autoren, die diesen Magazinen ihre Texte künftig nicht mehr liefern können, weil deren Platz mit Spredder-Inhalten gefüllt werden, werden sich wenig erfreut zeigen. Wenn man einmal außer Acht läßt, dass Magazine wesentlich mehr darauf achten müssen exklusive Inhalte abzudrucken, als die “wir drucken alle die gleiche dpa-meldung im mantel”-Tageszeitungensbranche.

Und so stelle ich mir am Ende dieses Textes noch immer die Frage: Funktionieren teuere Content-Pools, bei denen Tageszeitungs-Verlage (und die nennt Schumacher als Kunden) mehr zahlen müssen, als sie es auf dem freien Markt tun? Denn als Ersatz für dpa und Co. eignet sich Spredder sicherlich nicht. Es geht um Artikel und Kolumnen.

Spredder. Vielleicht ist mein Gehirn mit dem freud’schen Effekt ja nicht so weit entfernt, dass ich immer wieder “Schredder” sagen will …

Trackbacks

  1. links for 2009-10-07 « Nur mein Standpunkt
    07.10.2009, 14:04 Uhr
  2. Netzpresse: Auch ohne "Krawall-Blogger" kaum Chancen für Hajo Schumachers "Spredder"
    07.10.2009, 16:38 Uhr
  3. Dobschat » Links vom 7. Oktober 2009 bis 8. Oktober 2009
    08.10.2009, 00:01 Uhr
  4. Medial Digital – Medien, digitale Medien, Medienwandel, Journalismus, Internet, soziales Internet, Social Web, Web 2.0» Linktipps Neu » Linktipps zum Wochenstart (29)
    11.10.2009, 23:10 Uhr
  5. Medienlinks zum Wochenstart: Hurleys “Content-Kleptomanen” — CARTA
    11.10.2009, 23:38 Uhr

Kommentare

  1. Sollte das Geschäftsmodell versagen, ist auf jeden Fall Google schuld! Und das Internet sowieso. Und der Staat muss eingreifen. Und, und und…

    Ben
    06.10.2009, 16:30 Uhr, #
  2. werter kollege gigold,

    haltungsstarre, schlecht recherchierte und stilistisch mäßige texte haben bei spredder keine chance.
    falls Sie Ihrem aufsatz, der all diese kriterien erfüllt, noch ein paar fakten beigeben wollen:
    - investition für software, buchhaltung und abrechnung, produzieren und einstellen, mwst, rechtliche beratung verursachen eine menge kosten, die wir mit dem einen cent pro zeichen abzudecken versuchen. vielleicht sind wir in einem jahr soweit.
    - spredder ist ein low-profit-modell, dh nach decken der kosten, zinsen der darlehen und investitionen werden die restlichen gewinne am jahresende an die autoren ausgeschüttet, ähnlich wie bei der vg wort oder einer genossenschaft.
    - falls sich dieses modell als nicht praktikabel erweist, werden wir uns ein anderes ausdenken.
    - sollten Sie zwischen Ihrer stereotypen-dreherei zeit für konstruktive vorschläge haben, würden wir uns sehr darüber freuen.

    mit kollegialem gruss
    hajo schumacher/spredder.de

    hajo schumacher
    07.10.2009, 06:58 Uhr, #
  3. Ich verneige mich, vor Ihrer Erscheinung, Herr Schumacher. Danke.

    Mir sind die Fakten, die sich in ihrem Kommentar aufzeigen, durchaus bekannt. Ich habe versucht Spredder einmal aus Sicht eines Journalisten und einer Redaktion gesehen. Dafür habe ich sogar mit zwei Journalisten gesprochen, die sich bei der Leipziger Volkszeitung als Freie verdüngen. Einer ist bei einem Textpool angemeldet, wie Spredder einer sein mag – außer, dass Spredder sich ein paar hohe Qualitätsansprüche gesetzt hat, die bei anderen Textpools vielleicht nicht ganz so hoch liegen.

    Bitte sagen Sie mir doch noch, wo der Artikel inhaltlich schlecht recherchiert ist. Über Stil kann man streiten, ich mag ja auch kein Spredder-Autor werden.

    > sollten Sie zwischen Ihrer stereotypen-dreherei zeit für konstruktive vorschläge haben

    Nein. Ich drücke Ihnen die Daumen. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe Unternehmer die mit Mut – insbesondere im journalistischen Bereich – etwas versuchen. Ich habe nur wie oben im Text eben aufgeführt, meine Zweifel.

    Thomas Gigold
    07.10.2009, 09:18 Uhr, #
  4. lieber kollege gigold,
    schlecht recherchiert bedeutet für mich das unterlassen eines einfachen anrufs, bei mir oder sebastian esser. dann hätten wir über Ihre zweifel gleich reden und einiges erklären können. Dass Sie uns die daumen drücken, nehmen wir mit demütiger freude zur kenntnis und betrachten es als auftrag, weiterhin für guten journalismus zu kämpfen.
    auf bald,
    Ihr schumacher

    hajo schumacher
    07.10.2009, 10:52 Uhr, #
  5. Ich bin mir da nicht so sicher. Im Fotobereich berechnen Agenturen 30% Provision für den Verkauf. Die haben auch Kosten wie Kontrolle, Beschriftung, rechte abklären, Server usw.
    Sie arbeiten alle mehr oder minder Profitabel. Ich finde daher 50% nicht angemessen. Bin gleichwohl gespannt wie das Projekt zum tragen kommt.

    juls
    07.10.2009, 15:25 Uhr, #
  6. ““wir drucken alle die gleiche dpa-meldung im mantel”-Tageszeitungensbranche.”
    Du hast Vorstellungen!
    Abgesehen davon: guter Text!

    Michael
    07.10.2009, 18:16 Uhr, #
  7. Guter Text. Nur der Link zu G.Waldherr verlinkt m.E. den falschen G. Waldherr. Journalistisch mehr Sinn ergäbe zumindest der Brand-Eins-Waldherr.

    jakob
    12.10.2009, 14:12 Uhr, #
  8. Die Idee mit Weitervermarktung hatte ich auch. Allerdings sind Redakteure nicht interessiert.

    Ring-0 nenne ich mal die AgenturMeldungen und PR-Texte
    Ring-1 sind dann Redakteure die sich auskennen. Das können/sollen dann ruhig auch Redakteure von z.b. heise/ct, FinancialTimes u.ä. sein.
    Das Ziel ist ein umfänglicher Bericht zu den jeweiligen Agenturmeldungen: Da können ruhig (erkenntlich) Wiederholungstexte drin stehen. Für Erklärungen oder die letzten Bilanzzahlen o.ä.

    Diese Berichte kaufen dann die Zeitungen, News-Portale usw. Hier gehts um micro-Geldmengen. Aber halt auf vielen Portalen. Man muss möglichst viele Praktikanten (Agentur-Copy-Paster) in Geldflüsse an anständige Redakteure umwandeln.

    Per Internet geht das ja bequem und einfach und automatisiert.
    Aber DJV usw. sind wohl nicht interessiert. Wenn die bald alle Pleite sind weil die EReader-Mags denen die Arbeit wegnehmen, helfen auch Presse-Rabatte nicht mehr.

    PeterB
    15.10.2009, 14:04 Uhr, #

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Autor Thomas Gigold

Datum 06.10.2009, 12:33

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