Nicht zuletzt dank des unermütlichen Engagements der Bertelsmann Stiftung wird das Internet in Deutschland wieder ein Stückchen lebenswerter. Nach einem Bericht von Monika Ermert bei Heise Online haben am heutigen Tag praktisch alle Betreiber relevanter Internet-Suchmaschinen beschlossen, in Zukunft von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indizierte Webseiten nicht mehr bei Ausgabe von Suchergebnissen anzuzeigen.
“Die Suchmaschinenanbieter Google, Lycos Europe, MSN Deutschland, AOL Deutschland, Yahoo, T-Online und t-info haben heute in Berlin die Gründung einer eigenen Selbstregulierungsorganisation unter dem Dach der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter (FSM) angekündigt. Das erste große gemeinsame Projekt soll laut Thomas Dominikowski von Lycos die Ausfilterung der von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPJM) indizierten URLs automatisieren. Auf einem Server werden die auf den Index gesetzten URLs abgelegt, so dass die Suchmaschinen zum Abgleich mit ihren Listen rein softwaregestützt darauf zugreifen können.” (Quelle: Heise Online, 24.02.2005)
Klingt ein wenig albern, ist aber bittere Realität. Natürlich hat die BPJM nicht den Hauch einer Chance, mit der Entwicklung im Netz mitzuhalten. Auch wenn das Verfahren zur Indizierung mit der Einführung des neuen Jugendschutzgesetzes bereits deutlich vereinfacht wurde (Die BPJM kann nun von sich aus tätig werden, sie braucht keine externen Anträge mehr), solange auch nur ein halbwegs formelles Verfahren mit menschlicher Beteiligung zur Indexierung einer Webseite nötig ist, wird es nicht gelingen, auch nur einen nennenswerten Bruchteil jugendgefährdender Webseiten auf die “schwarze Liste” zu setzen. Während die Bundesprüfstelle ein Angebot indiziert, entstehen mehrere tausend ähnlichen oder schlimmeren Inhaltes.
Ein reichlich witzloses Unterfangen also, selbst wenn man sich auf bekanntere (Tasteless-)Angebote konzentriert – das weiß man sicher auch bei der BPJM in Bonn. Don Quijote hatte im Kampf gegen die Windmühlen einen vergleichsweise entspannten Job.
Ganz abgesehen von dem bitte nicht zu vernachlässigendem Umstand, dass es mit der einmaligen Sperrung eines URLs nicht getan ist. Im Gegensatz zu klassischen “Schriften” wie Büchern und Filmen ist das Internet bekanntlich schrecklich dynamisch. Eine regelmäßige Beobachtung und ggf. Neubewertung der indizierten Inhalte ist also nötig, aber bereits heute nicht mehr realistisch nicht zu leisten. Zumindest nicht, wenn man die letzte Entscheidung einem Menschen überlassen will.
Ein Sturm im Wasserglas also? Nein, mitnichten. Tatsächlich haben wir es mit einer “neuen Qualität” (Eine Floskel, die ich in diesem Zusammenhang schon immer einmal verwenden wollte!) in der weltweit ohnehin recht einmaligen Geschichte deutscher Jugendschutzbemühungen zu tun: Deutschland bekommt ein Kindernet!
Die Unterdrückung jugendgefährdender Suchergebnisse trifft schließlich nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch erwachsene Webnutzer, die von deutschem Boden aus (soll heißen: Mit einer “deutschen IP” oder einem “deutschsprachigen” Browser. Wie genau die “Lokalisierung” am Ende umgesetzt werden soll, ist noch nicht klar.) eine Suchmaschine befragen.
Wer sich als Erwachsener über entsprechende Inhalte informieren will, darf in Zukunft also nicht mehr auf die Unterstützung von Google, Lycos und Co. hoffen, sondern ist auf Mundpropaganda angewiesen. Eine äusserst hilfreiche Entwicklung sicher auch für Eltern, die gerne mehr über die “rechten Kameraden” oder das neueste Splatterspiel erfahren wollen, mit denen sich der Nachwuchs gerade vergnügt.
Auch der Umstand, dass die “schwarzen Listen” in einem automatisierten Verfahren eingepflegt werden sollen, trägt nicht gerade zur Beruhigung bei. Welche Datenmengen möchte man verwalten, wenn die Sperrlisten automatisiert werden soll? 500? 5.000? 50.000? Oder gar noch mehr?
Während Anfang 2001 – im Jahr vor Erfurt – gerade einmal 500 Webseiten “auf dem Index” waren, dürfte die Zahl der “verbotenen” Webseiten – nicht zuletzt durch die oben bereits angesprochene Vereinfachung des Verfahrens – in Zukunft stark steigen (Nach einem Bericht von Stefan Krempel bei Telepolis sind es inzwischen 1000). Da braucht es natürlich eine leistungsfähige IT im Hintergrund.
Tja, und wenn man die leistungsfähige IT erstmal etabliert hat, kann man sie ja auch sinnvoll einsetzen. Zum Beispiel indem man nicht nur von der BPJM indizierte Webseiten ausblendet, sondern gleich alle nach dem Jugendschutzgesetz “unzulässigen” Inhalte. Ein Hirngespinst? Leider nicht, auch dies wird von führenden Regulierern schon länger gefordert. Bisher fehlte es schlicht an den technischen Möglichkeiten, die politische Realität lässt sich vergleichsweise schnell anpassen.
Wie mag die Zukunft ausschauen? Automatische Sperrung von Inhalten, wie sie bereits von einigen kommerziellen Filteranbietern angeboten wird? Eine Identifikation mittels personalisierter Chipkarte oder gleich DNA-Scanner zur Nutzung von “Erwachsenensuchmaschinen”?
Ich bin gespannt. Als Ende der 90er Jahre erstmals ernsthafter über die Regulierung von Suchmaschinen diskutiert wurde, hätte es wohl kaum jemand für möglich gehalten, dass sich Suchmaschinenbetreiber einmal “selbstverpflichten” würden, ihre Suchergebnisse derart zu beschneiden.
Auch heute noch wirbt Google mit dem Claim “Google is the closest thing the Web has to an ultimate answer machine.” – “Wir machen das Internet auf Wunsch der Regierung zu einem rosaroten Kinderparadies” wäre ehrlicher.
Bravo, das ist Medienkompetenz nach dem Drei-Affen-Prinzip: „Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen“ ,(
Update (25.02.2005): Als Reaktion auf diesen Eintrag habe ich einige eMails erhalten, in denen gefragt wurde, was denn genau gesperrt werden soll.
Bei Spiegel Online sei zu lesen, dass “entsprechende Listen” (neu) erarbeitet werden sollen. Radio Einslive berichtete gar, dass in diese Listen auch Webseiten aufgenommen werden, die der FSM über ein “Beschwerdeformular” gemeldet werden.
Ich habe gestern Abend noch bei der FSM nachgefragt, beide Aussagen sind so nicht zutreffend. Zum Einsatz kommt die bereits vorhandene Liste indizierter URLs der BPjM, der offizielle “Index”. Weitere Listen wird es – zumindest vorerst – laut FSM-Geschäftsführerin Sabine Frank nicht geben:
“[..] richtig ist die Darstellung in den Heise-News. Die Selbstkontrolle der Suchmaschinenanbieter wird sich der bereits vorhandenen Liste indizierter URLs der BPjM bedienen. Diese Liste wird selbstverständlich regelmäßig von der BPjM aktualisiert. [..]“

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Kommentare
Cool, sobald einer ‘ne unzensierte Suche aufmacht, hat man einen neuen Marktführer…
24.02.2005, 22:04 Uhr, #
Danke für Deinen schonungslosen Kommentar, Olaf. SO hab ich das gar nicht gesehen. Als Familienvater fand ich das Vorhaben erstmal pauschal klasse. Hast mir die Augen geöffnet. :-)
24.02.2005, 23:24 Uhr, #
@Daniel: Keine Ahnung, wie alt deine Kinder sind, aber sobald sie sich auch nur irgendwie für entsprechende Inhalte interessieren, werden Sie sich nicht durch eine kastrierte Suchmaschine aufhalten lassen.
An die Links oder Dateien kommen sie ohnehin viel schneller via Instant Messenger, Chat, eMail oder p2p. Irgendeinen Kumpel werden sie schon haben – und wenn sie sich das Zeug nur als “Mutprobe” schicken.
25.02.2005, 00:05 Uhr, #
Jaja, ich hab Dich schon verstanden. War keineswegs sarkastisch oder ironisch gemeint.
Ich sag ja: Danke für Deine Sicht der Dinge.
25.02.2005, 08:48 Uhr, #
Was auch immer das wird, aber es wird kein Internet fuer Kinder, ganz sicherlich nicht.
Ob das wirklich Selbstkontrolle wird, weiss ich auch nicht, bisher sah das immer nach Kontrolle durch grosse Haeuser aus. den Kindern im Netz und der Kinderseitenlandschaft haben all diese Dinge zu keiner Zeit geholfen. Zudem spriocht fuer die Kinderseitenlandschaft nicht irgendwer sonder nur sie fuer sich selbst. Okay, das ist doof, ist aber so.
Das bedeutet aber auch, dass es gerade das Internet war, dass schon lange durch das machen von Seiten und Einbezieghen von Kindern Jugendmedienschutz leistete. Es wird nicht viel bringen, sich da als grosse Firma drueber hinwegzusetzen.
http://www.seitenstark.de/
25.02.2005, 13:15 Uhr, #
Hallo Stefan,
Ich schrieb ja selber, dass das Netz nicht “sauber” wird, nur weil Suchmaschinen keine “unzulässigen” Webseiten mehr in ihren Ergebnislisten anzeigen.
Natürlich bekommen wird durch die Nichtlistung von (erstmal) 1000 Seiten (das ist wohl der aktuelle Stand) noch kein Kindernet. Für die konkrete Verhinderung von Zugriffen aus der vermeintlichen Zielgruppe ist sie in etwa so relevant, wie die Blockade von 2 Naziseiten auf Zugangsebene durch Herrn Büssow. Die Kids haben die URLs ja schon.
Bemerkenswert ist der Zusammenschluß zur Einrichtung einer automatisierten Filterstruktur (Ich bezweifle wirklich, dass es mittelfristig bei 1000 Seiten bleiben wird.) aber durchaus, vor allem auf netzpolitischen Ebene.
Einmal ist er genau das, was jugendschutz.net seit 2001 fordert und von euch Suchmaschinisten damals mit “Nein, ein Missverständnis, wir wollen nur QOS machen und Spam ausfiltern” bestritten wurde.
Zum anderen ist eine “Selbstkontrolle” auch immer eine Kontrolle des Marktes durch die Platzhirsche. Ist ja auch nicht weiter verwunderlich, niemand betreibt eine Suchmaschine, weil er ein Philantrop ist.
Vor allem nicht, wenn man selber primär Content-Anbieter ist/werden möchte, was man zweifelsohne von fast allen der Beteiligten behaupten kann. Ich denke daher, dass es weit mehr als eine der symbolischen Aktionen ist, die es im Bereich der “Selbstregulierung” oft gibt um staatliche Regulierung zu verhindern bzw. hinauszuzögern.
Und was die Einbeziehung der Kinderseitenlandschaft betrifft: Da kann ich mich ganz gut erinnern, wie du dich früher immer darüber beschwert hast, wie sehr die Blinde Kuh und andere Kinderseiten von den Platzhirschen (und insbesondere dem aus Gütersloh) geschnitten wurden, weil es bei euch eben keine Klingeltöne und Wertschöpfungsnetze ohne Links nach aussen gibt ,)
25.02.2005, 18:02 Uhr, #
Nicht mehr lange und Seiten wie Indymedia und Wikipedia werden nicht mehr aufgelistet, weil keine Redaktion die Inhalte kontrolliert. Und dann sind die Blogs natürlich auch gleich dran. Und irgendwann sperren dann auch die Provider einzelne Seiten.
Ich gebe dem Internet noch höchstens 15 Jahre, dann ist es totzensiert.
26.02.2005, 18:22 Uhr, #
Mmhh, also das beste wäre sowieso man surft mit einer verschlüsselten Verbindung über einen anonymen Proxyserver.
Da kann man dann auch ohne Angst auch gleich noch die P2P Börsen nutzen.
28.02.2005, 10:10 Uhr, #
Wer die Geschichte nicht kennt ist verdammt sie zu widerholen.
Der Staat wird diesen mechanismus eiskalt zu propagandazwecken und zur politischen Steuerung einsetzen.
In deutschland ist es schon wieder soweit und nur wenige merken es, denn es ist ja immer wieder ein wenig anders. Diesmal gehts nicht um Judenvernichtung, sondern um GELD und MACHT.
Also : Staat und Öffentlichkeit, finger weg von den Medien !
Glaubt ihr denn, das die Augen vor etwas zu schliessen, bzw. es auszublenden, die Realitaet verändert ?
Wie einfältig, wie wärs mit ein wenig Eigenverantwortung oder muss es immer einen grossen Bruder geben ?
22.09.2005, 20:45 Uhr, #