Chefredakteur Bernd Hilder im Medienrauschen-Interview zur Neugestaltung der Leipziger Volkszeitung
Seit Wochen wirbt die Leipziger Volkszeitung auf Plakaten, in Anzeigen, im Radio und im Internet für die eigene Neugestaltung. „Immer neugierig bleiben“ heißt es da. „Mehr Farbe, mehr Vielfalt, mehr Überblick“ sind die zentralen Botschaften, die crossmedial an den potentiellen Leser gebracht werden. Medienrauschen sprach mit Chefredakteur Bernd Hilder über die Änderungen. Ein etwas längerer Ausblick in Text und Bild*. (Links von uns eingefügt)
Herr Hilder, wie müssen wir uns die LVZ ab Sonnabend vorstellen? Wird es ein komplett neues Produkt?
Nein, wir haben ganz bewusst nicht das komplette Erscheinungsbild geändert. Wir wollten evolutionär, nicht revolutionär vorgehen. Ich bin ein Fan des Relaunchs auf Raten. Mit einem Komplettrelaunch kann man sicher einen Designerpreis in der Branche gewinnen – aber auch jede Menge Leser verlieren.
Wie sehen die Änderungen konkret aus?
Die LVZ erscheint nun komplett in Farbe. Möglich machen das neue Rotationsmaschinen in unserer Druckerei, in die wir 30 Millionen Euro investiert haben. Diese Maschinen ermöglichen erheblich mehr, so dass wir in die Lage versetzt wurden, die Zeitung spürbar zu modernisieren. Ein Schritt davon ist eben die Farbigkeit und wir hoffen, vor allem junge Leser werden das goutieren.
Wird es mehr Seiten geben?
Ja, wir wechseln von der Zwei- zur Vierbuchproduktion. Das nordische Format wird dadurch lesefreundlicher, weil man nun die Zeitung auseinander nehmen kann. Eine Familie am Frühstückstisch kann so die verschiedenen Ressorts nach Interesse unter sich aufteilen.
In den meisten unserer Ausgaben werden wir mehr Seiten haben, in unserer Stadtausgabe an vier Tagen 32 Seiten, an zwei Tagen 28 Seiten. In nahezu allen Ressorts gibt es täglich eine Seite mehr. Das ermöglicht neue Elemente wie einen Pflichtkommentar auf der Wirtschaftsseite, den es so bisher nicht gab.
Wie sieht die Aufteilung der Zeitung aus?
Das erste Buch besteht wie bisher aus den Bereichen Politik, Sachsen und Wirtschaft. Im Wechsel wird es eine Seite mehr für das Sachsen- und eine zusätzliche Seite für das Politik-Ressort geben. Die Sachsenseite heißt dann nicht mehr „Sachsen und die Bundesländer“ sondern wird mit „Sachsen und Mitteldeutschland“ überschrieben. Wir wollen zeigen, dass Leipzig die Stadt ist, die im geografischen Zentrum von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen liegt. Zukünftig wird es mehr Berichte aus den anderen beiden Bundesländern geben. Die Wirtschaftsseite bekommt eine so genannte unechte Aufschlagseite, hat also einen eigenen Titelkopf.

Das zweite Buch wird der Kultur gewidmet. Dabei berichten wir aus allen Bereichen von Hochkultur bis Unterhaltung. Auch hier wird es eine zusätzliche Seite pro Tag geben, auf der etwa kulturpolitische Debatten stattfinden. Neu ist auch, dass die Veranstaltungsseite „Leipzig Live“ das Lokalbuch verlässt und in das Kulturbuch integriert wird, was ja von der Lesefreundlichkeit her auch Sinn macht. Als Wiedererkennungsmerkmal haben wir jeden Tag einen Cartoon von Rabenau im Blatt.
Das dritte Buch ist das Lokalbuch und heißt entsprechend zukünftig auch „Lokales“. Es wird neben dem 1. Buch das umfangreichste Buch. Die Rubrik „Leipzig Rundum“ verschwindet. Dafür widmen wir täglich eine Seite den nördlichen und südlichen Städten außerhalb Leipzigs.
Im vierten Buch gibt es Sport und als Abschluss die bewährte Rubrik „Aus aller Welt“. Davor kommt der Ratgeber. Diesen werden wir zukünftig jeden Tag haben und weiter ausbauen. Der Fokus liegt hier auf dem Thema Gesundheit.
Der treuen, älteren Leserschaft geschuldet?
Ja, ganz klar. Aber mit unserem Ratgeber Multimedia und Technik sprechen wir gezielt Jüngere an.
Was ändert sich am Wochenende?
Wir tauschen unsere bisherigen Beilagen Magazin und Journal. Das Magazin erschien bislang samstags und kommt nun am Freitag. Dort sammeln wir alles, was Hintergrund zum politischen Geschehen bietet. So wird es Features über ernste, politische Themen geben. Zudem wird ins Magazin die Literaturseite eingeklinkt. Auch wird es eine Seite geben, die Leserbriefe und interessante Beiträge aus unserem Internetforum veröffentlich. Dazu drucken wir Leserfotos und stellen die Websites der Woche vor. Das liefert unsere Onlineredaktion zu. Außerdem finden Sie im Magazin die Wissenschaftsseite und als Abschluss eine Seite, die „Modernes Leben“ heißt und sich gesellschaftlichen Themen in längerer Form widmet.
Das Journal erscheint nun samstags und wird etwas lockerer gestaltet. Als Hauptfarbe dominiert hier beispielsweise ein warmes orange. Das Journal soll lockerer, nennen Sie es von mir aus auch boulevardesker, werden. Die Kinderseite rutscht auf den Sonnabend. Dazu kommen Themen wie Lifestyle, Essen und Trinken und Leute.
Inklusive aller übrigen Ressorts wie Reise, Auto, Stellenmarkt und Immobilienmarkt haben wir in der Wochenendausgabe acht Bücher.
Inhaltlich recht viele Änderungen, was wird sich am Layout ändern? Wenn man sich die Dummy-Ausgabe ansieht, bleibt ja doch vieles beim Alten.
Die LVZ soll erkennbar bleiben, aber es soll eine Fortentwicklung zu spüren sein. Vor einigen Jahren haben wir bereits eine kleine Änderung vorgenommen: die Hausschrift wechselte von Centennial auf Centennial Light. Das ist keine große Sache, hat das Schriftbild aber lesefreundlicher gemacht. Es gab Überlegungen, die Schriftart jetzt komplett zu wechseln, das wurde aber letztlich verworfen.
Farblich haben wir einiges geändert: die Hausfarbe ist nun ein dunkles Blau statt des bisherigen Cyans. So wird der Kopf nicht mehr schwarz sondern in diesem Blau gehalten. Für die so genannten Aufschlagseitenköpfe wird zukünftig ein dunkelrot verwendet. Und diverse Rubriken und Artikel bekommen eine sandfarbene Hinterlegung, um sie vom übrigen Text abzugrenzen. Dieses Dreifarbkonzept soll zukünftig die Zeitung prägen.
Wie bereiten Sie die Leser auf die neue Zeitung vor?
Zum einen haben sich die Anzeigenmotive geändert und geben jetzt einen Blick auf die neue Titelseite frei. Zudem wird es am Samstag eine ganze Seite geben, auf der wir die neue Zeitung erklären. Darüber hinaus erscheint eine Beilage, in der wir näher auf den Relaunch eingehen. Ab Montag wird dann über zwei Wochen verteilt jedes Ressort eine Sonderseite bringen, auf der erklärt wird, was sich dort ändert. Auch unsere Verlagsabteilungen stellen wir so vor.
Aufgrund der Mehrseiten im Vergleich zur jetzigen Produktion ist es denkbar, dass die Redakteure nun mehr arbeiten müssen.
Nur dort, wo noch Reserven sind. In den Umlandredaktionen, in denen der Personalbestand knapp ist, wird es ja keine Ausweitung der lokalen Berichterstattung geben. Im Stammhaus teilt sich das recht gut auf. Für die Sachsenseite beispielsweise ist immer genug Content da, so dass eine weitere Seite locker gefüllt werden kann. In der Politik kann man auf dpa setzen, falls „Lücken“ vorhanden sein sollten. Wir werden keine Redakteure einstellen oder die Honorartöpfe erhöhen.
Ist bei den Überlegungen für eine Blattumstellung je das Tabloid-Format im Gespräch gewesen, das ja mittlerweile einige Tageszeitungen anbieten?
Nein, im Gegenteil. Wir schaffen sogar unsere bisherigen tabloiden Lokalbeilagen ab. Das waren bisher die Kreiszeitungen, etwa für Delitzsch-Eilenburg und den Muldentalkreis. Die wurden bislang in die Zeitung eingelegt, was Aufwand und Kosten verursachte. Jetzt gibt es eine Zeitung aus einem Guss im nordischen Format. Die Leser im Umland verlieren also keine lokale Berichterstattung. Diese wandert einfach nur ins Innere der Zeitung und ist trotzdem bequem und handlich herausnehmbar.
Kam die Entscheidung zum Relaunch von den Gesellschaftern, also von Madsack und Springer, oder ist das eine rein Leipziger Entscheidung?
So ein Relaunch ist eine redaktionelle Sache, wurde also von den Leipziger Machern geprägt. Natürlich hat der Beirat der Leipziger Verlags- und Druckereigesellschaft es vorher zu Gesicht bekommen und für gut befunden.
Wurde für die Blattumstellung eine Agentur beauftragt?
Nein, und darauf bin ich stolz. Wir sind froh, das im Team bewältigt zu haben. Sieben Kollegen aus dem Haus haben das Layout in Teamarbeit fortentwickelt. Zusammen mit einem Grafiker haben wir alles selbst entwickelt, im Haus viel Kommunikation betrieben. Für alle Abteilungen und Ressorts fanden Informationsveranstaltungen statt, damit jeder wusste, was hier passiert. So konnten wir auch die Kosten gering halten, die salopp gesagt, die Portokasse eines Verlages nicht übersteigen.
Das Hamburger Abendblatt veröffentlichte dieser Tage eine Meldung, wonach die Zeitung in 2007 eine Digitalisierungsoffensive startet. Unter anderem solle das Internetangebot ausgebaut und mit interaktiven Elementen ausgestattet werden. Wird der Relaunch der LVZ ähnlich umfassend oder nur auf dem Papier vollzogen?
Was die digitalen Arbeitsprozesse angeht, sind wir bei der LVZ schon sehr digital. Die Verzahnung von Print- und Onlineredaktion wird zunehmen. Wir haben auch ab sofort unter jedem Meinungsbeitrag die E-Mail-Adresse des Autoren stehen, um den Kontakt mit dem Leser zu forcieren. Schon jetzt werden aber in jedem Ressort die Artikel durch zusätzliche Geschichten im Internet angereichert.
Sind ein Newsdesk oder ein Newsroom angedacht?
Bislang nicht und ich sehe derzeit noch keine Notwendigkeit. Durch eine schlanke Hierarchie findet schon jetzt eine enge Kommunikation statt – und die Fachkompetenz der Ressorts bleibt voll erhalten.
Stichwort E-Paper. Bleibt die bisherige Form bestehen, dass es das E-Paper nur für Abonnenten der gedruckten Zeitung gibt?
Vorerst schon. Wer die gedruckte Ausgabe nicht haben will, kann sie spenden. Allerdings sprechen wir permanent über andere Lösungen. Bislang planen wir aber kein reines E-Paper-Abo oder gar Artikel als Einzelkauf per Microbilling
Wird es in absehbarer Zeit Blogs von der Leipziger Volkszeitung geben?
Wir denken darüber nach.
Wie stark sehen Sie sich im Zugzwang durch kostenlose Angebote im Internet?
Eigentlich wenig. Gratiszeitungen werden es sehr schwer haben. Wenn man Meldungen von journalistischer Qualität verbreiten möchte, ist das nicht zum Nulltarif zu haben. Trotz wachsender Nutzung des Internets ist es immer noch eine Minderheit, die Zeitungen im Internet liest. Wirtschaftliche Blütenträume der Macher solcher Angebote werden sich also auf die Schnelle nicht erfüllen lassen. Und: journalistische Glaubwürdigkeit kann nur bei strikter Trennung von Redaktion und Anzeigen bewahrt werden. Leser wollen keine verkauften Nachrichten oder einen Mischmasch aus Berichterstattung und PR-Nachrichten. Wer uns im Internet lesen will, muss uns abonnieren.
Was glauben Sie, welchen Stellenwert hat die LVZ bei den Leipzigern?
Einen sehr hohen. Weil wir das glaubwürdigste Medium mit der umfangreichsten Berichterstattung über diese Stadt und diese Region sind.
Und über Leipzig hinaus?
Man beachtet uns auch weit über Leipzigs Stadtgrenze hinaus. Die LVZ gehört zu den am häufigsten zitierten Regionalzeitungen.
Würden Sie eine weitere Tageszeitung für Leipzig befürworten?
Meinungs- und Pressevielfalt ist ein hohes Gut. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass es wirtschaftlich möglich ist, eine neue Tageszeitung gewinnbringend an den Markt zu bringen. Redaktion, Anzeigenabteilung, Vertrieb und Marketing erfordern eine Menge Investitionen.
Wird die LVZ durch den Relaunch ab Samstag teurer?
Nein, der Preis bleibt stabil.
Und die Anzeigenpreise?
Es gab zwar zum 1.1. eine neue Anzeigenpreisliste. Sollten dort Steigerungen zu verzeichnen sein, dann sind diese aber nicht durch den Relaunch bedingt.
Wir danken für Ihre Zeit und das Gespräch!
Download der Layouts als PDF:
Titelseite
Politik/Meinungen
Wirtschaft
Lokales
Journal: Reise
Journal: Auto
*) Alle dargestellten Layouts sind Dummys, die das kommende Erscheinungsbild zeigen sollen. Die PDF-Dateien wurden Medienrauschen freundlicherweise von der LVZ zur Verfügung gestellt.
Disclaimer und Quellennachweis: Der Autor ist freier Mitarbeiter der Leipziger Volkszeitung. Das Interview kam auf alleinige Anfrage durch den Autor zustande und wurde exklusiv für Medienrauschen geführt. Auszugsweise Zitate sind bei Nennung der Quelle “Medienweblog Medienrauschen.de” erlaubt, Belegexemplare, Links oder Trackbacks erbeten.

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Kommentare
Vielleicht sollte darüber hinaus nicht unerwähnt bleiben, daß die LVZ ein Produkt auch des Axel-Springer-Verlags ist.
11.01.2007, 13:14 Uhr, #
Steht doch im Text ;-)
> Kam die Entscheidung zum Relaunch von den Gesellschaftern, also von Madsack und Springer, oder ist das eine rein Leipziger Entscheidung?
11.01.2007, 13:29 Uhr, #
stimmt! wie peinlich. irgendwie hab ich das übersehen. vielleicht bin ich ja nicht der einzige. deshalb hier nochmal der hinweis :o)
11.01.2007, 14:09 Uhr, #
danke. vielleicht hätte ich das mit h2-tags klammern sollen, wenn es dir so wichtig erscheint.
11.01.2007, 14:31 Uhr, #
Naja, eine Alternative gibt es schon: die Leipziger Internet Zeitung http://www.l-iz.de. Kostenlos und sehr umfangreich. Was mich fasziniert ist das riesige kostenlose Archiv mit über 15.000 Artikeln. Jeden Tag neue Nachrichten. Es geht auch so.
20.06.2009, 22:29 Uhr, #
ich will wissen , was oder wie ich eine zeitung auseinander nehmen kann
:es tut mir leid , das das nicht zu eurem thema gehört
11.03.2010, 09:27 Uhr, #