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lyssa.gifDicke Luft herrschte im Hörsaal 6 am Campus der Friedrich Schiller Universität Jena, gleich neben der Jenoptik-Zentrale, in der einst Lothar Späth die Zügel reißfest in Händen hielt. Der lud gestern, als Honorarprofessor für Medien und Zeitdiagnostik, zu Vortrag und Podiumsdiskussion über “Die Zukunft der Regionalzeitung im Online-Zeitalter – Lothar Späth im Gespräch mit Katharina Borchert, Online-Chefredakteurin der WAZ-Mediengruppe”. Zur WAZ-Mediengruppe gehören nicht nur Westdeutsche Allgemeine Zeitung oder Westfälische Rundschau, sondern auch die Redaktionen von Thüringer Allgemeine, Ostthüringer Zeitung und Thüringischer Landeszeitung, kurz, der Zeitungsgruppe Thüringen. Und die war – fast – geschlossen versammelt und lauschte gespannt auf das, was da womöglich in den nächsten Monaten auch auf sie zukommt: Blogger, Kommentare, Trackbacks, Podcasts, Vidcasts und alternative Honorarregelungen.

Mit dem Launch des Onlineauftritts der WAZ-Mediengruppe, unter dem Arbeitstitel “WestEins“, geht im Frühjahr (Anfang März) eines der ambitioniertesten Projekte in der deutschen Verlagslandschaft, seit Aufbau der Internetauftritte von Tageszeitungen überhaupt, online. Der Erwartungsdruck ist enorm, auf Seiten der – mehr oder weniger – unbeteiligten Beobachter, wie bei Lokalredaktionen und natürlich Bloggern.

Katharina Borchert, die verantwortliche Chefredakteurin für dieses Projekt, meistert ihre Aufgabe offenbar charmant, souverän und professionell. In Jena tritt eine Frau vor das erwartungsfrohe Publikumsgemisch aus medienwissenschaftlichen Fachkollegen, Studenten, Journalisten und Bloggern, die mit Natürlichkeit, stupender Kenntnis lokaljournalistischer Besitzstände und onlinejournalistischer Neuigkeiten, und ein klein wenig koketter Unsicherheit, ob der großen Aufmerksamkeit, die ihr Vortrag bei Vidcastern erregt, bezaubert. Kein Hinweis auf “die Peitschen-Borchert“, wie sie in einem unglücklichen Artikel in der taz, ja man möchte fast sagen, portraitiert wurde, nur hin und wieder ein wenig stiller Stolz auf ihr Elternhaus, das “sämtliche Tageszeitungen aus der Region abonniert hatte, um zu vergleichen”.

Mit Katharina Borchert wurde eine Frau zur Leiterin des Mammutprojekts “WestEins” bestellt, die allerdings umstrittener nicht sein könnte. Die erfolgreiche Bloggerin und – wegen ihrer Blogeinträge auch von überregionalen Tageszeitungen engagierte Autorin, sieht sich intensiver Kritik ausgesetzt. Blogger reagierten auf die Meldung, im Juli letzten Jahres, daß ihre Kollegin “Lyssa” Chefredakteurin des Onlineauftritts der WAZ-Mediengruppe werden soll, vorwiegend mit Repekt. Unzufriedene Lokaljournalisten greifen allerdings schon mal selbst zum Blog, um ihrem Unverständnis über diese aufsehenerregende Personalentscheidung Bodo Hombachs und Kollegen Luft zu machen. Diese Personalentscheidung, die selbstverständlich auch eine klare Aussage über eine grundlegenden inhaltlichen Wandel ist, hat natürlich Randbedingungen und Konsequenzen.

Zu den Randbedingungen gehört der kontinuierliche Niedergang der Tageszeitung und die gleichzeitig rasante, scheinbar exponentielle Besucherzahlenentwicklung im Onlineangebot (Beispiel: Spiegel Online). Die Lokalredaktionen der öffentlich rechtlichen Fernsehsender stoßen, mit den GEZ-Gebühren im Rücken, massiv ins Internet vor und begünstigen so die Wanderungsbewegung vom Print ins Netz. Leser aller Altersschichten entdecken die Lokalnachrichten im WWW und auch die ältere WAZ-Kundschaft erweist sich als durchaus internetaffin. Rund dreißig Prozent der Online-Nutzer sind über 50. Da ist es nur konsequent die Online-Lokalteile der WAZ, Neue Ruhr/Neue Rhein Zeitung, Westfälische Rundschau, Westfalenpost – oder auch der Thüringer Allgemeinen, Ostthüringer Zeitung und Thüringischen Landeszeitung unter einem Dach zusammenzufassen. Also, Westfalen nicht mit Thüringen, das wär arg, nein, die Zusammenfassung der jeweiligen Regionalausgaben ist schon arg genug, wenn es nach den betroffenen Redakteuren geht. Auf die Frage, wie dann dieses Onlineportal aussehen soll antwortet Katharina Borchert so:


Link: sevenload.com

Bleibt die Frage, wie das finanziert werden soll, wie das Geschäftsmodell eines vorwiegend werbefinazierten Internetauftritts einer Landeszeitung aussehen soll, die keine regionale Identität mehr aufweist:


Link: sevenload.com

Sparen kann man natürlich an vielen Ecken und Enden, eine clevere Möglichkeit ist es mit den zukünftigen Autoren in “Honorarverhandlungen” zu treten, schön wenn das keine “eigentlichen” Journalisten sind, sondern Blogger. Auch wenn Katharina Borchert darauf besteht, daß die Einbindung von Bloggern nicht zum Preisdumping genutzt werden soll:


Link: sevenload.com

Ein Problem, das ich (als Blogger und Beobachter, zumindest der Thüringer Bloggerszene) kenne, ist, daß Blogger über alles schreiben, nur leider äußerst selten über Lokales. Maximal zehn Prozent der Blogeinträge in Thüringer Weblogs befassen sich mit lokalen Themen, und dann nicht selten aus Werbegründen. Das liegt häufig daran, daß Blogger an lokalen Themen zwar interessiert sind, darüber zu schreiben aber meist die Motivation fehlt. Motiviert wird man natürlich – auch als Blogger – durch gewisse Belohnungen. Im Falle von Blogs, ist die härteste Währung die Aufmerksamkeit, die in unterschiedlicher Münze gezahlt werden kann: Kommentare, Trackbacks, Unique Visitors. Aber auch der Aufmerksamkeitswert hat Grenzen in der Zeitinvestition. Ein gut recherchierter und gut geschriebener Artikel kostet Zeit … und damit Geld – auch einen Blogger.

Letztendlich stellt sich deshalb die Frage, wie man die – bei Regionalzeitungen jetzt schon vielgescholtene – Qualität herstellen, verbessern oder gar bewahren will:


Link: sevenload.com

Tja, man darf gespannt sein, wie sich “WestEins” entwickelt. In Thüringer Lokalredaktionen ist man es jedenfalls.

Der wortlautgleiche Post steht auch bei thueringerblogzentrale.de, für die ich ebenfalls schreibe. Die Idee für den Post-Titel stammt übrigens von Michael, vom Radio-G-Podcast-Blog, der auch noch eine interessante Frage gestellt hat.

Trackbacks

  1. Vortragsbericht: Katharina Borchert über die Zukunft der Regionalzeitungen · Happy Arts Blog
    02.02.2007, 00:06 Uhr
  2. Nur mein Standpunkt » Lokale Berichterstattung
    02.02.2007, 01:49 Uhr
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    05.02.2007, 01:44 Uhr
  4. THÜRINGER BLOGZENTRALE » Blog Archive » OTZ fragt, wir antworten
    15.02.2007, 14:40 Uhr

Kommentare

  1. brav!

    michael
    01.02.2007, 22:27 Uhr, #
  2. “vorwiegend mit Repekt” – Irritation beabsichtigt? ;-)

    L'ecteur
    03.02.2007, 20:31 Uhr, #
  3. nun ja, nenn mir ein paar relevante(!) quellen, die anders als mit respekt reagiert haben!

    Sven
    04.02.2007, 15:45 Uhr, #
  4. Irgendwie war der Berichterstatter in einer anderen Veranstaltung. Von dicker Luft habe ich nichts gemerkt. Und die Anwesenheit war auch eher dünn. Und bitte: Wo waren die Redaktionen von OTZ, TLZ und TA geschlossen versammelt? Es wollten doch eher Blogger wissen, zu welchen Konditionen sie arbeiten können. Ein bisschen mehr Wahrhaftigkeit, Sachlichkeit und Abstand und weniger Übertreibung sollte auch bei Bloggern üblich sein. Letztlich wird das Online-Konzept von den Lokalredaktionen vor Ort umzusetzen sein. Und das werden wir auf jeden Fall tun.
    Lutz Prager, OTZ-Redaktionsleiter Jena

    Prager
    15.02.2007, 10:40 Uhr, #
  5. Nein, wir waren in der gleichen. Sie haben mir ins Bild fotografiert. :o)

    Dicke Luft herrschte sowohl im tatsächlichen, als auch übertragenen Sinne, die Fragen der Lokalredakteure waren …mmnja, sagen wir, nicht ohne Biss. Da die ganze Veranstaltung auf Video aufgezeichnet ist, können wir uns das ja nochmal gemeinsam anschauen :o).

    Die Aussage, daß die Redaktionen geschlossen versammelt waren, war eine Spitze auf die skandalöse Unterbesetzung von Lokalredaktionen.

    Die von mir gestellten Fragen zielten sowohl auf die Situation von Bloggern, als auch auf die von Journalisten.

    Blogger sollten keine Konkurrenz für ausgebildete und erfahrene Journalisten sein. Allerdings ist damit – solange es keine anderslautenden, unzweideutigen Vereinbarungen gibt – vor allem in innovativen Projekten wie WestEins, durchaus zu rechnen. Insofern sollten wir nicht ohne Not Fronten bilden, wo keine erforderlich sind.

    Sachlichkeit, Abstand und weniger Übertreibung gehören leider nicht zu den Basistugenden des gemeinen Bloggers. Sondern gerade die Polemik, bei selbstverständlicher Authentizität, gehören zu den Stärken des Bloggens und werden vom Leser auch entsprechend honoriert. Wobei ich finde, daß der hier vorliegende Post eigentlich noch recht ausgewogen formuliert ist – für meine Verhältnisse.

    Sie schreiben: “Letztlich wird das Online-Konzept von den Lokalredaktionen vor Ort umzusetzen sein. Und das werden wir auf jeden Fall tun.”

    Ich fürchte, da kommen möglicherweise noch Überraschungen auf uns zu, die wir uns in unseren kühnsten Träumen nicht hätten ausmalen können.

    Sven
    15.02.2007, 14:28 Uhr, #

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Autor Sven

Datum 01.02.2007, 21:47

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