Google vor Rückzug aus China?
Breaking News: Some Bullshit Happening Somewhere
Jugendzeitungen mit Verletzung journalistischer Normen?
Blau im Social Web
Der Untergang des Hauses Murdoch

Medien und Gewalt

Sind Kinder durch Videospiele gefährdet? Machen Computerspiele gewalttätig? Diese Diskussion kocht spätestens seit der ersten Verbreitung der Egoshooter. Es lässt sich historisch verfolgen, dass jedem neuen Medium anfangs starke Voruteile entgegen stehen und Verteufelungen wie beispielsweise “systematische Massenverdummung” aufkommen. Durch diese Phase musste das Telefon, genauso wie der Fernseher, durch. Und die Computer- und Videospiele bilden da keine Ausnahme.

Aber die Frage von besorgten Eltern und Wissenschaft gleichermaßen bleibt: Haben PC- und Videospiele einen Effekt auf unsere Bereitschaft zu gewalttätigem Verhalten?
Ich kann und will diese Frage hier nicht beantworten, daran sind schon klügere Köpfe gescheitert, als ich es bin, aber ich möchte einen kleinen Einblick zum Forschungstand geben. Oder besser gesagt zum Forschungskonflikt.
In der Medienpsychologie gibt es nämlich eine Unmenge von Theorien zum Zusammenhang von Medien und Gewalt, von denen ich exemplarisch einige herausgreifen werde.

Ich weiß, der Stoff ist wissenschaftlich und damit trocken, deswegen versuche ich, es so knapp wie möglich zu formulieren. (Edit: Die Verlinkungen sind nachträglich eingefügt und nicht als Quellen zu betrachten, sondern sollen weiterführende Informationen geben)

Mediengewalt zeigt keine Wirkung auf das Individuum:
Die Wirkungslosigkeitsthese geht davon aus, dass Laborexperimente extrem überbewertet wurden und Mediengewalt keine langfristigen Auswirkungen auf Menschen hat. Kurzfristige Effekte durch emotionale Erregung werden jedoch nicht ausgeschlossen.

Abstumpfungseffekte in Bezug auf Mediengewalt behauptet die Habitualisierungsthese. Je öfter man gewalthaltige Formate sieht, z.B. auch in angenehmer Umgebung (Couch und Popcorn…), desto mehr gewöhnt man sich an die Bilder. Teilweise wird auch angenommen, die Gewöhnung dehne sich auf die Abstumpfung gegenüber realer Gewalt aus.

Mediengewalt fördert reale Gewalt:
Sehr gute empirische Beweise finden sich für den Zusammenhang von Frustration und Aggression. Darauf baut die Stimulationsthese auf, welche einen Zusammenhang von gewalthaltigem Medienkonsum und aggressiven Handlungen sieht, wenn ihnen Frustration vorangeht. Dabei triggert die Mediengewalt gewissermaßen die Aggression bei einer frustrierten Person.

Bei der Suggestionsthese wird davon ausgegangen, dass Mediengewalt direkt nachgeahmt werden kann, sei es durch Gedanken, Erinnerungen oder Handlungen.

Die Erregungsthese sagt aus, dass durch Medien(gewalt) entstandene Erregung durch Übertragung auf eine nachfolgende Situation zu Aggression führen kann. Sie kann aber auch zu positivem Verhalten genutzt werden. Umgekehrt kann auch Erregung, die nicht durch Mediengewalt entstanden ist, durch Übertragung zu Aggression oder auch positivem Verhalten führen.

Werden viele gewalthaltige Formate gesehen, kann gewalthaltiges Verhalten eher als normal angesehen werden. Dementsprechend behauptet die Rechtfertigungsthese, dass Medien als Rationalisierungsstrategie herangezogen werden.

Die sozial-kognitive Lerntheorie erklärt, wie Menschen durch Beobachtung Verhalten lernen. Je nach Lernsituation und Vorbildperson kann in einer Auslösesituation das gelertne Verhalten angewendet werden, wenn der Mensch sich Belohnung erhofft, oder keine Bestrafung fürchtet.

Mediengewalt hemmt reale Gewalt:
Die Katharsistheorie (ursprünglich Aristoteles, später Freud) behauptet, dass Mediengewalt Triebspannung entläd und so reale Gewalt hemmt. Heute wird sie von wissenschaftlicher Seite stark angezweifelt, zumal man keine empirischen Befunde finden könnte, die für sie sprechen.

Die Theorie der kognitiven Unterstützung geht davon aus, dass durch Fantasie anregende Mediengewaltbilder reale aggressive Gedanken besser kontrolliert werden können.

Aus Sicht der Inhibitionsthese führt Mediengewalt zu Aggressionsangst und erzeugt so Schuldgefühle, einhergehend mit der Hemmung aggressiver Impulse.

Mediengewalt führt zu einem verzerrten Weltbild:
Bei der Kultivierungsthese wird davon ausgegangen, dass durch das Leitmedium Fernsehen Wektbilder kultiviert werden.
Menschen werden sozialisiert und bei entsprechenden Gewaltdarstellungen erscheint die Welt als dunklerer Ort, als vielleicht tatsächlich der Fall ist.

Soweit zu einigen Theorien. Abschließend noch eine Metastudie (betrachtet mehrere Studien und fasst deren Ergebnisse zusammen). Sherry (2001) hat sich 20 Studien vorgenommen und einen kleine Effektstärke (Cohen’s d=0.30) für die Korrelation zwischen Videospielnutzung und Aggression heraus bekommen.
Bei einer vergleichbaren Metaanalyse zu gewalthaltigen Fernsehsendungen ist ein mittlerer Effekt heraus gekommen. (d=0.65)

Allgemein muss man sagen, dass es keine einheitlichen Ergebnisse zum Zusammenhang von Mediengewalt und realer Gewalt gibt. Es ist nicht klar, ob Mediengewalt aggressives Verhalten generell auslöst, oder Personen mit aggressiven Tendenzen sich zu gewalthaltigen Medien herangezogen fühlen. Vielleicht besteht auch kein direkter auslösender Zusammenhang. Es gibt sicher noch viel Forschungsbedarf, aber bis definitive Ergebnisse vorliegen, sollte man vielleicht nicht zu schnell Medien verurteilen. Lange nicht jedes Kind, das Counter-Strike, Doom oder ähnliche Egoshooter spielt, ist gefährdet, zu realer Gewalt überzugehen.
____________________
Da meine Quellen leider nicht online verfügbar sind, anbei noch ein paar Online-Ressourcen, die gut strukturiert erscheinen. Für die Richtigkeit der Inhalte kann ich leider keine Garantie übernehmen.
PDF von der Uni Mannheim
Persönliche Notizen für eine Examensprüfung (v.a. für Modelllernen)
Diplomarbeit in Sozialarbeit (PDF)
Dissertation zu Mediengewalt (PDF)
Vortrag von einem Heidelberger Professor

Trackbacks

  1. [i:rrhoblog] » links for 2006-12-05
    05.12.2006, 23:18 Uhr
  2. Essay zum Thema “Medien und Gewalt” « k!3zk!ndâ„¢
    06.12.2006, 12:06 Uhr
  3. netzpolitik.org: » Theorien und Thesen zu Medien und Gewalt » Aktuelle Berichterstattung rund um die politischen Themen der Informationsgesellschaft.
    06.12.2006, 12:06 Uhr
  4. Der Blogbote » Blog Archive » Medienpsychologie zum Thema Gewalt
    06.12.2006, 12:15 Uhr
  5. PC-Magazin
    06.12.2006, 14:01 Uhr
  6. Nerdcore - A Blog about very cool Stuff. Und so.
    08.12.2006, 00:33 Uhr
  7. Pädblog.de » Blog Archive » Machen “Killerspiele” gewalttätig?
    09.12.2006, 15:46 Uhr
  8. “Killerspiele” - wirds jetzt ernst? - ach, übrigens …
    10.12.2006, 13:47 Uhr
  9. Paedblog - Das pädagogische Blog » Blog Archiv » Machen “Killerspiele†gewalttätig?
    04.01.2007, 04:14 Uhr
  10. medienlese.com » Blog Archiv » “Scheiß-Privatfernsehen”
    09.01.2008, 09:41 Uhr
  11. Strövers Paedblog» Blogarchiv » Machen “Killerspiele†gewalttätig?
    20.09.2008, 15:23 Uhr

Kommentare

  1. Schöner Artikel. Ich wünsche mir aber noch ein paar Links.

    Markus
    05.12.2006, 18:20 Uhr, #
  2. Lieber Markus,
    leider habe ich mein Wissen aus medienpsychologischer Fachliteratur, zu der ich keine Onlineressourcen habe.
    Ich kann dir gerne ein paar (Print-)Literaturempfehlungen geben, wenn du möchtest. Ich werde auch versuchen, Links zu sammeln, habe dazu aber erst morgen Zeit.

    Anja Habermehl
    05.12.2006, 19:18 Uhr, #
  3. Wenn Spieler angeben, fünf Stunden und mehr mit ihrem Spiel zu verbringen, kann man sich ausmalen, daß das Problem nicht der Inhalt des Computerspiels ist.

    Wer täglich mehrere Stunden spielt, hat wenig Gelegenheit notwendige Kompetenzen schulischer und sozialer Art zu erlernen, um sozial akzeptiert zu sein. Ein Phänomen teilen Littleton, Erfurt und Emsdetten nämlich: die Täter fühlten sich ausgeschlossen und mißachtet.

    Das ist kein ungewöhnliches Phänomen und gehört selbstverständlich zur Persönlichkeitsentwicklung dazu.

    Wenn es jedoch Möglichkeiten zu exzessivem Eskapismus (Spielen, Fernsehen, Bloggen) gibt, wird das Motiv, unbefriedigende soziale Kontakte durch bewußte Auseinandersetzung zu zu optimieren, unterdrückt. Die Folge ist ein Teufelskreis, der im schlimmsten Fall zu Gewalttaten führt.

    Die Ästhetik der Tat ist nur das Symptom. Die Krankheit ist eine andere.

    Die oben genannten Medientheorien könnten das Phänomen beschreiben, erklären können sie es mit Sicherheit nicht.

    Konsequent müßte Beckstein keine Gesetzentwurf gegen Killerspiele vorlegen, sondern gegen Ignoranz. Hier mal eine alternative Formulierung für Becksteins Gesetzentwurf:

    “Wer Schulen, die es den Schülern als Haupt- oder Nebenzweck ermöglichen, eine grausame oder die Menschenwürde verletzende Gewalttätigkeit gegen Menschen oder menschenähnliche Wesen auszuüben, verbreitet, [...] herstellt, bezieht, liefert [...], wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe bestraft.”

    Sven
    05.12.2006, 19:20 Uhr, #
  4. Guter Artikel.
    Eine Literaturliste zu den wichtigsten Theorien wäre super!

    Felix
    05.12.2006, 22:25 Uhr, #
  5. DANKE für diesen guten Beitrag nach dem derzeiten Gleichklang der Medien und übereifrigen Gesetzesentwürfen. Kann man vielleicht einmal nachdenken oder Experten befragen, bevor man versucht sich zu profilieren?

    Box
    05.12.2006, 23:06 Uhr, #
  6. Danke für die Mühe der Zusammenstellung der diversen Theorien zum Thema.

    Für den Laien mögen diese verwirrenden, sich teilweisende widersprechenden Theorien so aussehen, als ob die Psychologie oder Medienpädagogik gar nichts Sinnvolles zum Thema beisteuern könnte, so als ob Psychologen völlig ratlos wären, heillos zerstritten etc. Ich sehe also die Gefahr, dass die Forschungsergebnisse der Psychologie als nutzlos abgetan werden könnten. Deswegen meine Anmerkung:

    Die Theorienvielfalt zeigt vor allem auf, wie vielfältig Medien auf das Verhalten und Erleben des Menschen wirken können. Jede der oben erwähnten Theorien stützt sich ja auf Daten, die die jeweilige Theorie zum Teil zu bestätigen scheinen. Jeder in den Theorien postulierte Zusammenhang zwischen Medien und Verhalten ist also – verkürzt dargestellt – in Teilen als Erklärung denkbar. Die Theorienvielfalt ist also gerade ein Zeichen dafür, dass es eben keine eindeutigen Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge gibt, denn sonst hätte man diese schon längst gefunden und sonst könnte man ein und das selbe Verhalten nicht mit mehreren, sich teilweise widersprechenden Theorien erklären. Somit können Psychologen und Pädagogen auf jeden Fall eines ausschließen: Dass Computerspiele mit aggressivem Inhalt in nahezu automatischer Weise aggressives Verhalten gegen reale Menschen fördern. Diese Erkenntnis ist aber anscheinend bei manchen Politikern und auch Journalisten noch nicht angekommen.

    Was die Psychologie also noch erforschen muss, ist z.B., welcher der in den verschiedenen Theorien postulierte Zusammenhang zwischen Medien und Verhalten wie stark und unter welchen Umständen (in welchen Situationen, bei welcher Mediennutzung, bei welchen Personen etc.) jeweils andere denkbare Wirkungszusammenhänge dominiert.

    Solon
    07.12.2006, 04:06 Uhr, #
  7. Vielen Dank! Besonders die zitierte Diss. ist sehr hilfreich.

    Bernie
    07.12.2006, 10:42 Uhr, #
  8. Ich habe gerade eine aktuelle Podcastfolge mit Dr. Günther Beckstein zum Thema Killerspiele entdeckt.
    http://jucast.de/index.php?id=50

    Nanc
    15.12.2006, 22:26 Uhr, #
  9. was fürn shit labbert ihr ey das stimmt doch alles garnich ich zock auch ganzen tag und hab keine probleme damit es macht sogar spaß^^ :P

    -.-
    19.12.2006, 08:16 Uhr, #
  10. > Es ist nicht klar, ob Mediengewalt aggressives
    > Verhalten generell auslöst, oder Personen mit
    > aggressiven Tendenzen sich zu gewalthaltigen Medien
    > herangezogen fühlen.

    Hallo,

    als ich noch ein Teenager war, galt der Konsum von brutalen Spielfilmen und vor allem “Killerspielen” als ein besonderes Zeichen dafür, dass man(n) mental bereits erwachsen ist – schließlich waren entsprechende Titel erst ab 18 erhältlich und somit mindestens so “cool” wie Zigaretten, Alkohol und Autos.

    Ich würde aber nicht so weit gehen zu sagen, dass der überwiegende Teil der Jugend dadurch stark beeinflusst und verdorben wird. Gutheißen möchte ich den entsprechenden Konsum aber trotzdem nicht. Ich selbst erfreue mich heutzutage gar nicht mehr an solchem Zeug – die Pubertät also erfolgreich abgeschlossen? *g*

    Gruß
    Tobias Topyla

    Tobias Topyla
    15.04.2007, 22:52 Uhr, #
  11. Hello everybody, my name is Damion, and I’m glad to join your conmunity,
    and wish to assit as far as possible.

    DamionKutaeff
    22.03.2008, 22:09 Uhr, #
  12. scheiiiiße

    fdhdsh
    10.03.2009, 08:10 Uhr, #
  13. du bist hässlich!!!

    raffi gütter
    30.10.2009, 10:40 Uhr, #
  14. spaass … ich habe im internet ein video gesehn wo 4 jungs einen mitschüler verprüggelt haben und mit dem handy gefilmt haben … echt schrecklich! :(

    raffi gütter
    30.10.2009, 10:44 Uhr, #
  15. Hallo, ich finde eure Diskussion sehr interessant und kann mich den meisten Aussagen anschließen, vor allem, dass Medien nicht auf jeden Menschen die selbe Wirkung haben.
    Man kann das Problem nicht nur aus psychologischer Sicht betrachten, sondern muss auch mal bedenken, was die Erziehungswissenschaftler dazu sagen. Denn Aggressionen können viele Auslöser haben und ebenso können diese Auslöser auch verschieden auf die Person einwirken. Nicht nur Gewalt in Medien oder sonstiges führt zu Gewalt sondern auch viele andere Faktoren können diesen Effekt erzielen. Da sollte man vielleicht einen größeren Blick darauf richten, wie es im Elternhaus aussieht und wie die Entwicklung verlaufen ist und nicht sofort alles auf die Spiele schieben. Außerdem befinden sich Jugendliche in einer Phase der Idetitätsfindung und daher reagiert auch jeder anders auf Gewalt bzw. Medien mit Gewaltinhalten.

    Gruß Anna

    Anna D.
    24.02.2010, 19:25 Uhr, #

Kommentar verfassen

Bitte an die Netiquette halten. Name und E-Mail sind Pflichtangaben,
E-Mail wird nicht veröffentlicht

Autor Anja Habermehl

Datum 05.12.2006, 17:34

Tags ,

Share  auf Facebook teilen via twitter teilen auf delicious.com speichern

medienrauschen.de ist eine Veröffentlichung der medienrauschen UG (haftungsbeschränkt), medienrauschen.com
2004-2010, Alle Rechte vorbehalten. Die Rechte der einzelnen Einträge liegen bei den jeweiligen Autoren.
Datenschutzrichtlinien. Weitere Informationen: Medienrauschen, Archiv, Impressum, Kontakt