Lesehinweis: Dies ist schon wieder so ein völlig überflüssiges SpOn-Bashing. Wer von diesem Eintrag wortgewandte Kulturkritik und visionäre Zukunftsvisionen erwartet, sollte im eigenen Interesse nicht weiterlesen. Rest: Willkommen!
Soso, laut SpOn ist “Livepaper” also ein “Super-E-Paper”.
Kann man auch anders sehen, nämlich als bunte Neuauflage eines alten Rohrkrepieres. Sind wir doch mal ehrlich: Niemand mag E-Paper (Ausser den Verlegern, da sie – im Gegensatz zu klassischen Webseiten – die Auflagenzahl erhöhen). E-Paper sind primär umständlich, teuer und werden auch mit kommenden Bildschirmgeräten nicht sinnvoll zu nutzen sein. Schon einmal versucht, mit einem TFT Insekten zu jagen? Oder gar in der Badewanne zu lesen?
Und das “Livepaper”[2]? Nun, das ist kaum mehr als eine blinkende und tutende Webseite. Umgesetzt in Flash [1] und zumindest auf meinem Duron 1600 hier eher – nun – träge. Das alles ist nun nicht wirklich neu.
Auch die Idee stylisierte Magazinseiten als Hintergrundtapete für die Texte (“Livetexte”?!) zu verwenden, dürfte nicht wirklich die Zukunft des Online-Publishings darstellen. Eigentlich entstammt sie sogar dem Steinzeitalter des GUI-Designs. Damals, als man auch auf die Idee kam, “Ordner” und “Papierkörbe” auf dem Desktop abzubilden.
Oh, ich habe eine Innovation unterschlagen: Man kann durch Mausklicks auf die Ecken des Livepaper Seiten umblättern! Überhaupt kann man überall Dinge anklicken. Manchmal passiert sogar was (weg mit dem nervtötenden Hintergundgedudel! Schnell!) Ja, doch, ich bin beeindruckt. Nein, so überhaupt nicht.
Frank Patalong, Chef der Rubrik Netzwelt bei Spiegel Online, beschert dem Livepaper hingegen eine Jubelarie, wie sie sich ein Don Alphonso nicht einmal in seinen feuchtesten Träumen wünschen dürfte – um sie anschließend genußvoll in der Luft zerreissen zu können. Schlimm. Ganz schlimm.
Mit “Livepaper” legt der mittelständische Entertainment Media Verlag ein neues Online-Publishing-Konzept vor, das in Sachen Interaktivität deutlich über Web und E-Paper hinausgeht. Gerade für Fachzeitschriften erweist sich das “Klickmedium” als ideal.
Was genau der mittelständische Verlag (110 Angestellte) aus der Taufe hob, dürfte derzeit weltweit im Online-Publishing seines Gleichen suchen.
Im ersten Augenblick ist es ungewohnt, aber direkt faszinierend. Das Livepaper erreicht einen Grad der so viel beschworenen Interaktivität, den man selbst im WWW meist vergeblich sucht. Der Verlinkungsgrad ist weit höher als auf herkömmlichen Webseiten: [...]
Soso. Nun, das mit der Verlinkung dürfte stimmen. Zumindest im Fall von Spiegel Online. Und was die Zukunft des Online Publishings angeht: Ich hoffe nicht, dass sie aus Artikeln wie dem bei Spiegel Online besteht. Wirklich nicht.
Dafür, lieber Herr Patalong, gibt es keine Banane, dafür ist schon eine ganze Plantage fällig.
[1]
Systemvoraussetzungen für livepaper:
Internet: DSL oder Firmennetzwerk, Rechner: 1 GHZ, Monitor: Auflösung 1024 x 768 Px, Browser: Flash-Player ab Version 7 (Quelle: Infotext der Musikwoche, nach Freischaltung des Demozugangs.)
[2] Ich war so frei ein alternatives “Livepaper” zu verlinken, dessen Test keine Anmeldung erfordert. Das bei SpOn verlinkte Livepaper der Musikwoche ist noch ein wenig e-papiger, bunter und … nun, einfach mal anschauen.
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Kommentare
Ich war auch fassungslos. Was’n Mist! Wo wollen die eigentlich alle hin mit ihrer dümmlichen Papiermetapher. Es ist kein Papier. Und der hohe “Grad der Interaktivität” kommt ja auch nur daher, dass andauernd schaurigste Musik aus den Anzeigen trötet. Dass man die Chart-Stücke anhören kann ist ja wunderbar, da hätte es aber nicht diesen Flash-Unsinn gebraucht.
18.07.2005, 16:19 Uhr, #
Top-Interaktivität, zumindest bei dem MagWerk-Livepaper.
Anklicken eines Artikels im Inhaltsverzeichnis und dann direkt zu diesem Artikel gelangen? Fehlanzeige!
Was für ein unglaublicher Unfug.
18.07.2005, 16:23 Uhr, #
Lasst Herrn Patalong doch mal spielen. :) Wer weiß, an welcher Stelle da Geld floss… Wie war das letztlich hier mit der Trennung von Anzeigengeschäft und Redaktion?
Und Olaf: Das jonet als Themengenerator? :) Wenn’s nich so unglaublich heiß wäre, hätt ichs auch beinah “geklaut”, das Thema, hehe. 52,5 Grad in der Sonne, ich geh kaputt hier. Ich will nich mehr.
18.07.2005, 17:23 Uhr, #
.. außerdem bringt dieses magwerk-dingens meinen firefox zum absturz. wasn das für’n mist? und warum soll das “livepaper” heißen? für mich ist das nichts anderes als ne grausige flash-website, die viel zu überladen ist. hätte man dies mit datenbankanbindung und nem schnuckeligen css-layout realisiert, wär’s einfacher gewesen.
18.07.2005, 17:30 Uhr, #
Habe ich das richtig verstanden? Die erstellen eine ordinäre Flashwebsite in Zeitschriftenoptik und verkaufen das als “neues Online-Publishing-Konzept”?
Könnte funktionieren, so lange keiner dahinter kommt das es das schon seit Jahren gibt. Nur mit dem Unterschied das man bisher immer gescrollt hat, anstatt zu blättern :).
18.07.2005, 17:33 Uhr, #
Daniel: War auch schon im Jonet-Log, als ich es heute Nacht gefunden habe, ja (Gerade versuche ich noch einen der Kommentare dort als “Gastkommentar” zu bekommen …).
Aber ich muss ja auch hin und wieder auch mal was für die Uni tun. Der Eintrag war eigentlich auch mal wieder nur für mein Notizblog gedacht, bis mein Geist blitzte: Hee, was mit medien! Und bevor Herr Fiene es verpodcastet, schreibe ich es hier einfach rein.
Wegen Abwechslung uns so. Soviel Spaß macht das Blogwart spielen hier auf Dauer ja nun auch nicht.
18.07.2005, 17:46 Uhr, #
Blogwart klingt übrigens sehr wie Hogwart.
Jaja, ich habe gerade den neuen Potter von der Post abgeholt.
18.07.2005, 18:16 Uhr, #
Steff: Und das, wo du doch schon allen Potteristen die Spannung versaut hast?
18.07.2005, 20:12 Uhr, #
Den oben bereits erwähnten Gastkommentar aus dem Jonet wollte ich ja noch nachreichen. Giesbert Damaschke, übrigens auch Blogger (“Der große Mülleimer” & “bLogitech”), hat’s mir gerade erlaubt:
Subject: Re: [jonet] Re: Medienlog 18/7
> http://www.magwerk.com/
naja. Dass ich Text (etwa in “Probe”), der mir zu klein ist, nicht heranzoomen kann, find ich eher nicht wunderbar. Dass ich ihn nicht kopieren kann, auch nicht. Ein Inhaltsverzeichnis, das nicht verlinkt ist – wunderbar?
Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich das Spiel, über das ich einen Artikel lese, gleichzeitig in einer Endlosclipschleife vorgeflimmert bekommen möchte. Oder ob mir jemand in den Text quatschen sollte, den ich lese.
Dass diese Optionen default-mäßig aktiviert sind und dass man nach dem Blätter-Mausklick also nicht nur geduldig darauf warten muss, bis alle Daten geladen sind, sondern anschließend auch noch alle möglichen multimedialen Zusätze ausschalten muss (und deren Download überhaupt erst zu der Wartezeit nach dem Blättern führt), bevor man den Text lesen kann, scheint mir auch nicht sonderlich durchdacht.
Und die generelle Idee, einer Webseite die Layout-Logik eines Magazins aufzuflashen, find ich auch nicht so dolle.
Was den „Sinn einer solchen Präsentationsform” angeht, so wirkt das auf mich so, als wollte man online endlich die Kontrolle über das Produkt bekommen, die man offline besitzt.
Bislang galt als Faustregel fürs Online-Publishing: The user is in charge. Bei einer reinen Flash-Lösung ist das nicht mehr so, hier muss sich der Leser den Bedingungen der Seite fügen, oder es sein lassen.
Hier kann man nicht mehr mit Adblocker unerwünschte Anzeigen unterdrücken, CSS-Dateien den eigene Wünschen anpassen, Fontgrößen und Farben manipulieren, einen Blick in den Quelltext werfen, sich die reinen Texte ohne Bilder anzeigen lassen und was dergleichen mehr ist. Und natürlich kann man die Artikel auch nicht mehr speichern oder archivieren.
Die gepriesene Interaktion dieser Form des Publishings ist eine Interaktion an der gar nicht mal so langen Leine der Macher. Was die erlauben, geht, was nicht, das nicht.
Das ist im Grunde das klassische Modell von Oben und Unten, Sender und Empfänger, von „Wir senden – ihr haltet die Klappe und konsumiert”. Nur ein bisschen hipper.
Immer noch alles wunderbar?
Naja, warten wir’s ab, steckt ja alles noch in den Kinderschuhen.
cu
gd 8-)
–
Giesbert Damaschke, München
http://www.damaschke.de/
http://www.mare-crisium.de/
18.07.2005, 20:18 Uhr, #
ganz passend dazu auch, dass diese “Innovation” ausgerechnet von der Branchenpostille der Musikindustrie kommt. In diesen Kreisen ist es ja durchaus ueblich, irgendwelchen Mist zu entwickeln, der an der Beduerfnissen der eigentlich ja werten Leser-/Hoererschaft vorbeigeht.
Na Hauptsache man kann sich wieder gegenseitig auf die Schultern klopfen.
Ein Wunder, die Musikwoche hat sogar eine Feed, nur findet man den Link auf ihrer eigenen Website nicht. http://xml.newsisfree.com/feeds/67/3667.xml
19.07.2005, 01:26 Uhr, #
Also alles in allem kann man sagen: Das magwerk mag keiner. Weitermachen.
19.07.2005, 21:24 Uhr, #
Keine Ahnung was ihr alle habt. Aber ich finde das Livepaper eigentlich eine gute Sache. Und sicher werden die paar Kinderkrankheiten sich auch noch auswachsen.
28.04.2006, 18:42 Uhr, #