Markus Beckedahl, 28, ist aktiv. Sehr aktiv. Er ist einer dieser Menschen, die überhaupt keine Zeit haben sollten, weil sie zuviel auf einmal machen. Das Beängstigende dabei ist, dass er mit seinen Projekten auch noch Erfolg hat. Sein Blog netzpolitik.org, von Reporter ohne Grenzen bei den Freedom Blog Awards in der Kategorie “Best International Blog” (für Meinungsfreiheit) ausgezeichnet, dürfte dabei nur das bekannteste Beispiel sein. Darüber hinaus ist er Geschäftsführer von newthinking communications, einer Agentur für Open Source-Technologie und -Strategien in Berlin. Als Vorsitzender des Netzwerk Neue Medien, einer Nichtregierungsorganisation, engagiert er sich seit 1998 für den Erhalt und Ausbau von Bürgerrechten im digitalen Raum. Das alles war für uns Anlass genug für ein kleines Interview über Pinguine im Parlament und bürgerliches Engagement im 21. Jahrhundert.
medienrauschen: Glückwunsch zur gelungenen Aufklärungsaktion! Habt ihr euch gedacht, dass es gleich so gut einschlägt?
Markus Beckedahl: Danke. Die Medienberichterstattung im Vorfeld war ja schon teilweise kritisch. Ist ja auch anscheinend das erste Mal, dass eine Firma das Abgeordnetenhaus für eine Lobby-Party mietet. Wir dachten, dass es sinnvoll sein kann, die Frage des offensichtlichen Lobbyings mit der Linux-Frage zu verknüpfen und dafür Bilder zu liefern. Microsoft hat die Veranstaltung ja nicht zum Spass organisiert. Aber das die Aktion ein solcher medialer Erfolg werden würde, hatten wir uns nicht vorgestellt.
medienrauschen: Das heißt, der Erfolg ist nicht beliebig wiederholbar?
Markus Beckedahl: Klar könnte eine solche Aktion wiederholt werden. Ich denke aber nicht, dass Microsoft nochmal das Abgeordnetenhaus mieten wird. Zumindest nicht in absehbarer Zeit. Die werden zukünftig wieder ihre Lobbyabende an weniger brisanten Orten, wie Hotels, veranstalten. Als wir von der Veranstaltung hörten, war uns eigentlich klar, dass dies für uns wie ein Ball auf dem Elfmeterpunkt ist.
medienrauschen: Die Veranstaltung ist demnach für Microsoft nach hinten los gegangen?
Markus Beckedahl: Das kann ich für Microsoft nicht sagen. Ich denke aber mal, dass die mediale Aufmerksamkeit auf die Frage, ob die Berliner Verwaltung von Windows 2000 auf XP oder auf Linux umstellen soll, so nicht geplant war. Und wir freuen uns natürlich darüber, dass ein eher trockenes Thema, was zwischen Verwaltungsmodernisierung, Haushaltsdebatte und IT-Infrastruktur angesiedelt ist, durch die Party und auch durch die Bilder transportiert werden konnte.
medienrauschen: Du hast die Aktion in deinem Blog netzpolitik.org dokumentiert. Ist das Netz der einzige Ort, an dem sich eine Aktion so spontan realisieren lässt?
Markus Beckedahl: Das Netz hilft uns, Themen zu transportieren. Die Idee wurde über Mailinglisten transportiert und diskutiert aber auch offline Treffen war hilfreich. Wenn Greenpeace früher eine Aktion machte, waren sie davon abhängig, dass Kamerateams dabei waren um alles zu dokumentieren. Jetzt haben wir unsere digitalen Tools – und wir wissen diese zu nutzen. Wir haben ja nicht nur Bilder gemacht und diese live via MMS in Blogs gestellt. Auch haben wir erstmals mit UMTS experimentiert, um einen Livestream der Veranstaltung ins Netz zu stellen, der schnell unter anderem via IRC distribuiert wurde. Die Idee war, Lobbying transparent zu machen und Citizen Journalism zu praktizieren. Für die Nachbereitung hatten wir Blogs und Server, um die Bilder online zu stellen und einen Bericht zu schreiben. Dort konnten klassische Medien recherchieren und auf das Material zurückgreifen. Wir haben quasi unsere eigenen Medien und sind nicht mehr von den Massenmedien abhängig.
medienrauschen: Die neuen technischen Mittel stehen vielen zur Verfügung, dennoch gibt es – besonders in Deutschland – wenige Aktionen dieser Art. Wenn es so einfach ist, warum passiert so wenig?
Markus Beckedahl: Das kann ich leider auch nicht beantworten. Immer weniger Menschen engagieren sich in gesellschaftspolitischen Fragen. Andererseits gibt es neue Formen gesellschaftlichen Engagements. Freie Software und Wikipedia sind zwei wundervolle Beispiele, wo Menschen kollaborativ und in Communities Projekte entwickeln, global wie national. Andererseits erkennen bisher wenige politisch interessierte Menschen die Chancen des Netzes und die Möglichkeiten von Social Software. Wir experimentieren einfach damit rum und schauen, was sich machen lässt und was vielleicht nicht so sinnvoll ist. Damit gewinnen wir mehr Erfahrung, auf die wir aufbauen können, und die wir auch weitervermitteln wollen.
medienrauschen: Du hast Euch selbst bei netzpolitik.org als Embedded Journalists bezeichnet. Was verstehst Du unter diesem Begriff?
Markus Beckedahl: Auf der Party waren wir Embedded Journalists, aber im Gegensatz zu den Embedded Journalists im Irak-Krieg waren wir nicht von Microsoft geladen und unterlagen auch keiner Zensur. Wir hatten einfach Spass daran, diesen Begriff zu nutzen und ihm in diesem Fall eine andere Bedeutung zu geben.
medienrauschen: Noch eine Frage zum Schluß: Was würdest Du jungen Menschen, die weder in der Schule noch Zuhause mit Freier Software in Kontakt kommen, auf den Weg mit geben wollen?
Markus Beckedahl: Probiert Freie Software einfach mal aus. Das fängt schon bei der Wahl des Browsers, des Mailprogrammes oder der Textverarbeitung an. Schaut Euch die Alternativen wie Firefox, Thunderbird oder OpenOffice an. Die kosten Euch nichts und haben einige Vorteile gegenüber den vorinstallierten Windows-Programmen. Es gibt auch ganze CD-Sammlungen wie die OpenSourceCD, wo viele freie Programme für alle möglichen Zwecke für Windows zusammengestellt werden. Oder schaut Euch mal Knoppix an, eine selbstbootende Linux-CD, wo Ihr ohne Installation mal in Linux reinschnuppern könnt. Ihr könnt Euch auch ein zweites Linux-Betriessystem neben Euer Windows installieren. Ubuntu oder Kubuntu sind Beispielsweise nicht mehr komplizierter zu installieren wie Windows und sie kosten nichts. Und wenn es Euch gefällt, steigt einfach um.
Aber vor allem: Informiert Euch! Software wird immer wichtiger in der Zukunft und dringt in alle Bereich des Lebens vor. Es sollte auch mehr Medienkompetenz vermittelt werden, meiner Meinung nach gehört da auch Software und Alternativen zum Monopol dazu. Und wenn Ihr verstehen wollt, wie Freie Software entwickelt wird, ihr aber nicht programmieren wollt/könnt, dann geht zu Wikipedia und schreibt da mit. Das Entwicklungsmodell ist sehr ähnlich.
medienrauschen: Wir bedanken uns herzlich für das Interview und wünschen Dir und netzpolitik.org noch viel Erfolg in der Zukunft.
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Kommentare
sehr hübsch!
20.08.2005, 22:00 Uhr, #
meiner meinung nach passen meinungsfreiheit und ein blog ohne commentfunktion nicht zusammen. aber das wäre ja noch mehr arbeit für ihn…
21.08.2005, 00:47 Uhr, #
Lesen können ist was für Gewinner. Kann es sein, dass Du im falschen Blog warst?
21.08.2005, 01:17 Uhr, #
@Jefo: Falls du netzpolitik.org meinst: Die haben zur Zeit das konkrete Problem von Anfragen (heise/spiegel/boingboing) überrollt zu werden.
Aus diesem Grund werden zur Zeit auch nur statische Seiten ausgeliefert. Bald darf man auch wieder kommentieren, keine Sorge.
21.08.2005, 02:12 Uhr, #
@Jörg-Olaf: Seit Samstag morgen ist netzpolitik.org wieder normal online. Der Slashdot-Beschuss blieb zum Glück aus.
@Jefo: Abgesehen von der Tatsache, dass ich eine Kommentarfunktion habe, kommen “Blogs ohne Kommentarfunktion” nicht in der Wikipedia-Definition über Meinungsfreiheit vor: http://de.wikipedia.org/wiki/Meinungsfreiheit
21.08.2005, 15:26 Uhr, #