Dirk Werner war Leiter der Bamberger Kurzfilmtage und ist seit 2006 Festivalleiter des internationalen Kurzfilmfestivals Short Cuts Cologne.
medienrauschen: Sonntag sind die Short Cuts nach fünf Tagen Festivalprogramm zu Ende gegangen. Ein Jahr Vorbereitung hat die Organisation gedauert. Welche finanziellen Mittel stehen einem Kurzfilmfestival zur Verfügung und woher kommen sie in der Regel?
Dirk Werner: Die Finanzierung ergibt sich in der Regel aus einer Mischkalkulation von Förder-, Sponsorengeldern und Einnahmen. Nimmt man alle Mittel zusammen – auch die Eigenleistung des Filmhauses – stehen uns ca. 100.000 Euro zur Verfügung. Allerdings sind in diesem Jahr einige Fördergelder (z.B. die der Filmstiftung) nicht geflossen, so dass wir uns stärker auf Sponsoring konzentriert haben.
medienrauschen: Lassen sich dadurch alle Mitarbeiter bezahlen?
Dirk Werner: Nein, auf keinen Fall. Der Etat beinhaltet eine ganze und eine halbe Stelle. Alle anderen Mitarbeiter arbeiten ehrenamtlich und für eine warme Suppe.
medienrauschen: Aber diese 1,5 Mitarbeiter arbeiten ein Jahr lang an der Vorbereitung. Kannst du sagen, was den größten Arbeitsaufwand erfordert?
Dirk Werner: Zeitlich am aufwändigsten ist das Sichten von weit über 2000 Filmen. Viel Zeit und vor allem viele Nerven kostet die Sponsoring Akquise, da man immer wieder abgewiesen und vertröstet wird.
medienrauschen: Liegt das daran, dass der Kurzfilm in Deutschland nicht sonderlich populär ist?
Dirk Werner: Der Kurzfilm ist in Deutschland das erfolgreichste Filmgenre überhaupt. Jedes Jahr gewinnen deutsche Kurzfilme zig internationale Preise, im Schnitt alle zwei bis drei Jahre auch einen Oscar. Aber in der breiten Öffentlichkeit muss man für den Kurzfilm erst ein Bewusstsein schaffen, was wir durch die Short Cuts ja versuchen. Diejenigen, die die Short Cuts besucht oder auch während des Jahres an Kurzfilmveranstaltungen teilgenommen haben, kann man mit guten Filmen für dieses Medium begeistern. Aber der Weg dahin ist schwer.
medienrauschen: Warum hat der Kurzfilm in der deutschen Öffentlichkeit so einen geringen Stellenwert?
Dirk Werner: Weil er aus den Kinos verschwunden ist. Vor einiger Zeit wurde der Kurz- (“Vor-”)film durch die Werbeblöcke vor den Langfilmen abgelöst. Als fast einzige Aufführungsmöglichkeit sind dem Kurzfilm die Kurzfilmfeste geblieben. Hierbei wird aber keine breite Öffentlichkeit erreicht, so dass es schwierig ist, die meist wirklich tollen Filme aus dieser Nische wieder herauszuholen. Die AG Kurzfilm, eine bundesweite Interessenvertretung, versucht gerade Strategien für eine Aufführung in Kinos als Vorfilm zu entwickeln.
medienrauschen: Was hat der Kurzfilm deiner Meinung nach dem Langfilm voraus?
Dirk Werner: Im Kurzfilm kann man sich Themen widmen, die sich im Langfilm oft nicht umsetzten lassen. Eine kurze, knackige Idee muss nicht auf 90 Minuten breitgeklopft werden; sondern ist so lang oder kurz wie nötig. Außerdem kann man im Kurzfilm viele Dinge ausprobieren, somit ist das Genre des Kurzfilms immer aktuell, frisch und experimentierfreudig.
medienrauschen: In Deutschland sieht man recht selten Kurzfilme im Fernsehen. Wie sieht es in anderen Ländern aus?
Dirk Werner: Da ist die Lage in europäischen Nachbarländern wie z.B. in Frankreich wesentlich besser. Es werden nicht nur mehr Kurzfilme ausgestrahlt, auch die Einkaufspreise der Fernsehsender liegen wesentlich höher als hier in Deutschland. Dort ist das Bewusstsein, dass die heutigen Kurzfilmer die Langfilmemacher von morgen sind, wesentlich ausgeprägter.
medienrauschen: Wie hoch werden die Minutenpreise in den beiden Ländern angelegt?
Dirk Werner: Ich habe die Preise nicht im Kopf (wir sprechen über 200 bis 400 Euro), aber in Frankreich liegen sie teilweise doppelt so hoch, wie in Deutschland. Kurioserweise zahlt arte Frankreich mehr Geld, als arte Deutschland.
medienrauschen: Könnte das Internet als Distributionsweg etwas an der Popularität des Kurzfilms ändern?
Dirk Werner: So wie die Lage sich zurzeit darstellt, nein. Immer mehr Anbieter brauchen Content, sind aber nicht bereit, dafür angemessene Preise zu zahlen. Die Filmemacher gehen daher eher zurückhaltend mit dem Distributionsweg Internet um. Auf lange Sicht könnte sich dort aber schon ein Markt entwickeln, allerdings sehe ich die Hauptabspielstätte immer noch im Kino, auf Festivals oder vielleicht auch bald wieder als Vorfilm.
medienrauschen: Vielen Dank für das Interview und alles Gute für die Zukunft!
*gespiegelt auf dem Short Cuts Cologne Blog*
