Die wenigsten haben schon von diesem Mozart-Werk gehört, geschweige können sie es fehlerfrei aussprechen, und doch ist sie nun in aller Munde: Die “Kotau-Oper”.
Was ist passiert?
1. Berliner Sicherheitsbehörden werden durch einen anonymen Anruf auf eine mögliche Gefährdung der Aufführung, in der eine Mohammedpuppe geköpft wird (Dauer der Szene 1 Minute 45 Sekunden) hingewiesen
2. Das Berliner Landeskriminalamt erstellt eine Gefährdungsanalyse, die eine abstrakte – keine konkrete – Gefährdung konstatiert.
3. Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) ruft Opernintendantin Kirsten Harms an und empfiehlt ihr dringend eine Abänderung oder Absetzung der Inszenierung
4. Nach Anfragen zu Gründen der Absetzung schickt Harms ein Fax an die Presse, in dem sie um Unterlassung einer Berichterstattung bittet, um ihr Haus und andere potentielle Opfer nicht zu gefährden
5. Die eigentliche Gefährdungsanalyse des Berliner Landeskriminalamts erreicht Harms dann erst kurz vor der ersten Pressekonferenz
6. Al Dschazira berichtet von dem Fall und in der gesamten westlichen Weltöffentlichkeit, wird über ein „non plus ultra“ diskutiert, es wird wieder viel über den Untergang des Abendlandes lamentiert: “wenn man nicht mal mehr Mozart aufführen darf”. Und in Talkshows werden einander allerlei wohlfeile Beispiele möglicherweise anstößiger Werke der Weltliteratur, beifällig nickend, in grimmigem Einvernehmen, zugeworfen. (Hier sei nur angemerkt, daß die Inszenierung, nicht die Vorlage strittig ist)
Aber warum nur?
Weil es ständig Opfer islamistisch-terroristischer Gewalt und Gewaltdrohungen unter Künstlern und Intellektuellen gibt:
1. Salman Rushdie wegen seiner „Satanischen Verse“
2. Michel Houellebecq wegen „Plattform“
3. Theo van Gogh und Ayaan Hirsi Ali wegen „Submission“
4. Karikaturisten und Zeitungsherausgeber wegen der „Mohammed-Karikaturen“
5. Papst Benedikt XVI wegen eines Zitates in seiner Regensburger Rede
Was folgt sind nun:
1. Diskussionen
2. Analysen
3. Verschärfung von Sicherheitsmaßnahmen
… und der beständige, mehr oder weniger unterschwellige und berechtigte Vorwurf an die muslimische Welt, gewaltsame Proteste perfide zu inszenieren und verantwortungslos zu schüren. Die Motive islamischer Staaten oder willfähriger Selbstmordattentäter werden internal attribuiert, d.h. es ist entweder das integrale Böse und Gewaltsame des mohammedanischen Glaubens, vielleicht dämonisch-diktatorische Führerpersönlichkeiten oder gar ein ungelöster Minderwertigkeitskomplex, der gut ausgebildete junge Männer aus „besseren“ Familien zu Terroristen werden lässt.
So argumentiert der deutsche Spitzenintellektuelle Hans Magnus Enzensberger, dass Größenphantasie und Rachsucht, Männlichkeitswahn und Todeswunsch die Ingredienzien radikalen Amokläufertums sind.
Die möglichen Ursachen dieser scheinbar pathologischen Verknüpfung menschlicher Schwächen in Bombengürtelträgern und Teppichmesserterroristen macht er u.a. in der eklatanten technischen Rückständigkeit und Abhängigkeit des arabischen Kulturkreises aus.
In seinem „Versuch über den radikalen Verlierer“ schreibt er:
„Auch die Infrastruktur der arabischen Länder verharrte bis ins neunzehnte Jahrhundert auf dem Niveau des Mittelalters […] selbst die parasitären Ölstaaten, die von ihrer Grundrente zehren, müssen ihre Technik aus dem Ausland beziehen […] jeder Kühlschrank, jedes Telephon, jede Steckdose, jeder Schraubenzieher, von Erzeugnissen der Hochtechnologie ganz zu schweigen, stellt daher für jeden Araber, der einen Gedanken fassen kann, eine stumme Demütigung dar.“
Kein Wort allerdings von Seiten Enzensbergers – wie übrigens der meisten Diskutanten zum Thema – zum völkerrechtswidrigen Irakkrieg, kein Wort zu Afghanistan, zur iranischen Revolution, [Youtube-Link] zur Korruptheit des saudischen Königshauses oder gar der Abhängigkeit der USA von den Energiereserven der Golfregion.
Muslimen und muslimischen Staaten wird ihre offene Duldung oder gar Rechtfertigung und Unterstützung gewaltsamer Ausschreitungen gegen Karikaturen und Zitate vorgeworfen – wir dulden mehrere Kriege mit tausenden Toten, inzwischen unter US-amerikanischen Soldaten allein, mehr als die Anschläge vom 11. September als Opfer forderten.
Unser kollektives „Jetzt reichts“ kann nicht nur den Bedrohungen des islamistischen Terrorismus, sondern muss mit demselben Atemzug auch den unverhältnismäßigen US-amerikanischen Interventionen in der Welt gelten.
Die Botschaft der Oper Idomeneo ist diese: Wir Menschen, nicht die Götter bestimmen unser Schicksal. Das ist die eigentlich wesentliche Botschaft in dieser Zeit.
-
“Im Palais”
Diskussion mit Ehrhart Körting, Berliner Innensenator; Peter Raue, Rechtsanwalt des Regisseurs; Christoph Schlingensief; Riem Spielhaus, Muslimische Akademie; Heinrich Wefing, Kulturkorrespondent der FAZ
Sonntag, 01.10.06, 13:00 Phoenix

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Kommentare
ich glaube was mich als araber oder perser am meisten auf die palme bringen wuerde ist, dass ein grossteil des westens so tut als ob nichts waere – fuer uns wird einfach anderso von irgendwem die drecksarbeit gemacht ob wir das wollen oder nicht – so wie die afrikanischen fluechtlingswellen rigeros gestoppt wird …
30.09.2006, 23:42 Uhr, #
Es wird ja immer diagnostiziert, dass die moslemisch geprägten Länder ein paar Hundert Jahre hinter der Entwicklung der westlichen Zivilistaion zurückgeblieben wind.
Meine Befürchtung ist, dass sie einige Dinge übersprungen haben und nun ein paar Jahrzehnte voraus sind.
01.10.2006, 00:29 Uhr, #
Die Palais-Sendung ist sehr zu empfehlen. Peter Raue, der Rechtsanalt, fordert in den 45 oder 60 Minuten mindestens zwanzig Mal den Rücktritt der Harms. sehr köstlich.
01.10.2006, 04:15 Uhr, #
Die Gutmenschen sind los. Kriege, auch welchem Grund auch immer geführt, und Kultur sollen in diesem Kontext nicht vermischt werden, sonst verliert man die wesentlichen Punkte aus dem Auge. U.a., dass wir schon soweit sind, ohne Not die Schere im Kopf anzuwenden.
01.10.2006, 18:12 Uhr, #
Natürlich gibt es Worte von Hans Magnus Enzensberger zum Irakkrieg. Um die zu finden reicht schon Google. Wie auch zu allen anderen Fragen, einem Berufsintelektuellen wie Herrn Enzensberger entgeht dabei nichts. Es ist wohl eher so (Wenn man mal dagegenhält), daß dieser Blog hier nur sehr ausschnitthaft die Mediale Wirklichkeit bespricht und sich dabei auf eher gefällige Themen kapriziert. Was ich nicht als Mangel sehe, es kann sich ja nicht jeder um alles kümmern.
Aber eigentlich möcht ich auch etwas ganz anderers richtigstellen der Inhalt von Ideomeneo ist nun wirklich nicht wie hier behauptet: “Wir Menschen nicht die Götter bestimmen das Schicksal”. Es ist, wie zur Entstehungszeit üblich, ein ganz und gar gottgefälliges und feudales Stück mit einwenig antiker Bildung als Würze. Den Revoluzzer hat der Mozart nie gegeben.
01.10.2006, 18:19 Uhr, #
@lutz: Natürlich kann man die Umstände separat betrachten und analysieren – oder sie eben in einen Kontext stellen, in den sie notwendig gehören. Der sogenannte “Kampf der Kulturen” ist ein Krieg geworden, weil es Kulturen gibt, die sich für überlegen halten und glauben ihre Werte anderen gewaltsam oktroyieren zu müssen … und es kraft ihrer militärischen und wirtschaftlichen Überlegenheit auch versuchen – und komme mir da bitte keiner mit “Antiamerikanismus”! Und “Gutmenschen” schon gar nicht. Es hat nichts mit Gutmenschentum zu tun, wenn man darauf hinweist, daß die Regionalzugbomber bei uns in die Lehre gegangen sind.
@luc: Sicher hat sich Enzensberger zum Irakkrieg geäußert. Das bestreitet niemand. Entscheidend, bei der Erwähnung Enzensbergers, war nicht, den Mann oder sein Werk grundsätzlich zu infrage zu stellen, sondern seine Analyse der Selbstmordattentäter. Diese zeugt, meiner Ansicht nach, von überheblicher Ignoranz.
Und es geht nicht darum, sich auf gefällige Themen zu kaprizieren, sondern auch Dinge, die einen ankotzen, anzusprechen.
Die abrahamische Interpretation ist eine mögliche – aber nicht notwendige. Weigert sich Idomeneo doch – anders als Abraham – zunächst sein selbst gegebenes Versprechen (anders als Abraham, der nichts verprach) einzuhalten.
Daß Mozart kein Revoluzzer war, würde ich ebenfalls vehement bestreiten. Er hat die Musik und die Oper enorm revolutioniert. Sonst gehörte er heute nicht zum schützenswerten Gut des Abendlandes. :)
01.10.2006, 22:05 Uhr, #
Ein toller WDR Film … wurde unsichtbar zensiert und in der Tube wieder auf erstanden!
http://www.youtube.com/watch?v=orbgLHrFJUk
02.10.2006, 22:49 Uhr, #
Fest steht doch, dass Frau Harms Angst hat. Und Angst ist immer ein schlechter Ratgeber. Das Schlimme ist aber, dass der Fall der Deutschen Oper kein Einzelfall zu sein scheint.
http://www.voteo.de/tag_Islam
Auf der obigen Voting-Site wird auf die Verschiebung des Filmes “Wut” in der ARD von 20:15 Uhr auf einen späten Termin (22:00 Uhr). Die ARD begründet das mit dem Jugendschutz. Es darf jedoch bezweifelt werden, dass nicht auch genaue die Motive von Frau Harms eine Rollen bei der Entscheidung spielten: Angst und nochmals Angst!?
05.10.2006, 12:12 Uhr, #
In Wahrheit ist diese Sogenannte “Selbstzensur”
nichts als ein Pop-Up dass behauptet irgend was sei “bedroht” werde damit drauf klickt!
Und man müsse unbedingt drauf klicken.
Wer gehorsam Geld für “Freiheit” auszugeben will ist ein Idiot!
Das natürlich in dem IT-Entwicklungsland Deutschland, wo sogar Bill Gates “Entwicklunsghilfe” leistet.
Weil es zwar nicht an der Technologie mangelt aber an Jungen Leuten
WIeso gibt’s die angebliche “IdomeneOBEY” nichts kostenlos im Internet?
Noch schlimmer ist dass die Schuld für den “Reichsopern Brand” (obwohl offensichtlich die Moslems mehrheitlich gar nicht die absetztung wollten) die Schuld bei Moslem gesucht würde.
Rassitische Argumentation in der Moslem keine individuen sein sondern, als Kollektiv für die Taten andere Moslem irgend wo in der Welt verantwortlich sein sollen.
Und das obewohl keine Hirachie wie Katholismus beseht. Also man den Moslems ihre unabhängikeit vorwirft.
Man erinnere im Libanon wo Geistliche veruschten Randaliere zu besänftigen aber Deutsche Hassmedien sie als Anfrüher verklärten
Der Krampfhafte, fast schon religöse Glaube man müsse jetzt die angebliche islamische “Bedrohung” bekämpfen owbohl die deutschen Moslem mehrheitlich gar nichts gegen die Oper gesagt haben.
Da ist schon die Rede von einem Pferd names Reichtag dass ein Deutscher auf Befehls eines Deutsches Polizeitmeisters angezündet hat, die Schuld läge aber bei den Moslems.
11.02.2007, 15:07 Uhr, #