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“Die können nicht einfach mein Haus ins Internet stellen!”
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Entscheidet Euch! Schnell oder Gründlich.

Online vs. Journalismus, ein Trauerspiel in drei Akten.
Ein Kommentar von “Journalist” zu RP-Online und Bild.de abgeschaltet

I. (1999 bis ungefähr vorgestern)

Schnelligkeit ist Trumpf! Printmedien und “old school journalism” sind ja sowas von maßlos von gestern, weil nicht aktuell genug. Und Onlinemedium “A” ist nach Ansicht seiner Kritiker dann ein Verlierer, wenn es laaange drei Minuten nach Onlinemedium “B” dieselbe Nachricht bringt, etwa aus dem Grund, dass die Quelle noch geprüft werden musste.

Chor (zehn Blogger auf Stelzen im weißen Apollopriestergewand): “Skandal, Skandal: Wer Zeitung liest und schreibt, ist ein trauriger Tropf; wer das Internet nicht lobt und preist, wird von den Göttern verachtet.”

II. (2001 bis ungefähr gestern)

Schnelligkeit ist Trumpf! Doch die Fehler häufen sich in Onlinemedien.
Der Kritiker (ein Blogger im Elchkostüm) macht sich lustig: “Geht an die Quellen! Das ist im Internet doch so leicht: Alles ist verfügbar; und ich kann’s doch auch verlinken. Kinder, seid Ihr blöd!”

Chor (zehn Blogger auf Stelzen in Elchkostümen): “Skandal, Skandal: Wer Zeitung liest und schreibt, ist ein trauriger Tropf; wer im Netz aber keinen richtigen Journalismus betreibt und nicht an die Quellen geht, wird von den Göttern verachtet.”

III. (heute)

Schnelligkeit ist selbstverständlich, Gründlichkeit ist Trumpf.
Hacker (mit Maske und Narrenkappe): “Ich habe die Quelle verändert, und die Idioten schreiben ab. Hab? ich?s nicht gewusst?”
Blogger (im abgenutzten Elchkostüm): “Lob und Preis den Hackern, die den Idioten klar machen, dass es nicht auf Schnelligkeit, sondern auf Qualität ankommt. Jeder weiß doch, dass das Internet voller dubioser Informationen steckt!”

Erster Chor (fünf Hacker auf Stelzen mit Masken und Narrenkappen): “Lob und Preis den ungerechten Göttern!”

Zweiter Chor (zehn Blogger au Stelzen in abgenutzten Elchkostümen): “Skandal, Skandal! Alle sind Idioten, nur wir nicht. Wer unserem Rat folgt, kann nur fehl gehen: Wer das nicht weiß, den verachten die Götter. Wer uns nicht folgt, den verachten wir!”

Beide Chöre: “Wir sind die Zukunft!”

Vorhang.

Sind Blogger die ewigen Nörkler? Müssen wir uns entscheiden, zwischen Schnelligkeit und Gründlichkeit im Journalismus? Muss Journalismus um jeden Preis schnell sein?

Kommentare

  1. Okay, versuchen wir doch mal alle Schubladen (Blogger, Journalisten, Zeitungen, TV, Radio, Websites, Blogs, …) auf einen Haufen auszulehren und dann zu schauen, was ist jenseits von momentanen und ehemaligen Überlegenheitsgefühlen und Hoffnungen und Ängsten und so weiter wirklich relevant.

    Schnell ist gut, aber nicht perfekt. Wer schnell und gut ist, tut entweder nur so oder hat sein Handwerkzeug im Griff. Das was einer allgemein akzeptierten Wahrheit am Ende nahe kommt, wird aber selten schnell und Knall auf Fall präsentiert werden können. Darum haben Eilmeldungen ihre Berechtigung, aber eine anschließende gründliche Aufarbeitung hat auch seinen Wert. Und Angst vor dem Eingestehen von Fehlern sollte man auch nicht unbedingt haben, denn dann braucht man Sicherheitsmechanismen, wie sie in den klassischen Medienhäusern üblich sind. Dieses Problem haben die oben beschriebenen Blogger weniger. Sie schreiben meist im einigen Namen und nicht für eine Zeitung X mit einer Reputation, die mehr wert ist als Gold.

    Ich frag mich wirklich, ob es in Zukunft nicht einen deutlichen Trend zum Individualjournalismus geben wird? Also eine Mischung aus Bloggern und Journalisten …

    Matthias Zellmer (@Zellmi)
    12.02.2009, 13:09 Uhr, #
  2. Hübsch, mein kleines Drama ist selbst zum Blogbeitrag geworden – es ist nur ein wenig verwirrend, dass die Anführungszeichen beim Kopieren zum Fragezeichen wurden…

    Aber wir wollen über Qualität reden.

    MZ fragt: “Ich frag mich wirklich, ob es in Zukunft nicht einen deutlichen Trend zum Individualjournalismus geben wird? Also eine Mischung aus Bloggern und Journalisten …”

    Ich frage mich das mal auch. Antwort: Unwahrscheinlich (weil programmierte Medien für ein durchschnittliches Publikum aufbereitet werden und damit für viele Menschen bequemer konsumierbar sind), aber ja – warum andererseits nicht? Und ich lege eine Prognose drauf: Am Ende wird sich so oder so stets professionelle Qualität durchsetzen. Das Publikum hat einen Sinn dafür, und ewig foppen (mit Blendwerk oder Schund) kann man es nicht, darunter leidet die Marke, wenn sie nicht sowieso für Blendwerk oder Schund steht.

    Schnell oder korrekt?, das ist ja keine Frage nach Alternativen. Die Antwort lautet: Ja. So schnell es geht, ohne dass die Korrektheit leidet.

    Noch kurz zur Erklärung: Mein kleines Trauerspiel glossiert eine Medienkritik, der es niemand recht machen kann. Kritik an der richtigen Stelle kann es nicht genug geben, aber fair muss sie sein: Auf einen Hoax reinzufallen, kann jedem passieren. Hätte die Story, um die es da ging, gestimmt, und ein Online-Journal hätte Stunden zur Verifikation gebraucht, wäre ihm das mit einiger Wahrscheinlichkeit von einigen derselben Blogger dick aufs Brot geschmiert worden, die nun die Zuverlässigkeit der Medien in Frage stellen, weil der Hoax Erfolg hatte…

    Es ist dabei zweitrangig, dass es sich dabei um Medien handelt, die öfter mal in die Kritik geraten. Jeder Fall ist ein neuer, und kaum einer dürfte einer übergeordneten Absicht folgen, Fehler zu machen. Den Ärger für einen Hoax verdient zuerst der Hoaxer; sein Opfer verdient Solidarität – zerknirscht ist es sicher sowieso.

    Wer noch nie unter hohem Druck am Newsdesk gearbeitet hat, werfe den ersten Stein…

    Journalist
    12.02.2009, 21:33 Uhr, #
  3. Danke. Das ist einer der intelligentesten Kommentar zu dem Thema bisher. Auch wenn es natürlich klar ist, und da haben die Blogger recht, dass Wikipedia eigentlich gar nicht als seriöse “Quelle” dienen dürfen sollte für klassische Medien, die sich über das Netz und seine Ungenauigkeit aufregen, aber dann doch dort abschreiben.

    raventhird.de/blog
    16.02.2009, 17:41 Uhr, #
  4. Was bitte ist ein Nörkler?

    La Brea
    25.02.2009, 15:52 Uhr, #

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Autor Thomas Gigold

Datum 12.02.2009, 12:05

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