Breaking News: Some Bullshit Happening Somewhere
Jugendzeitungen mit Verletzung journalistischer Normen?
Blau im Social Web
Der Untergang des Hauses Murdoch
Struktur des deutschen Tageszeitungsmarktes

Ein ganz gewöhnlicher Jude

goldfarb.gifEr wirkt wie ein Getriebener, ein Gehetzter, ein Verfolgter, der Mann in Oliver Hirschbiegels Film “Ein ganz gewöhnlicher Jude“. Der nun, seit ein paar Wochen, als DVD sowie als Hörbuch vorliegt.
“Ich wäre wahrscheinlich nicht mit ihm befreundet”
sagt Ben Becker, der Hauptdarsteller dieses verstörenden Kammerspiels und Einpersonenstücks auf die Frage, ob sein Emanuel Goldfarb, ein etwa vierzigjährige Hamburger Journalist und deutscher “Nachkriegsjude”, nicht etwas zu emotional oder gar aggressiv agiere.

Goldfarb hat einen Brief bekommen. Eigentlich nicht Goldfarb selbst, sondern die jüdische Gemeinde der Stadt Hamburg. Von einem Sozialkundelehrer, der um den Besuch eines Mitglieds der jüdischen Gemeinde bittet, um ihn seinen Schülern als Repräsentanten der Juden in Deutschland nach ‘45 vorzustellen und der mit einem “herzlichen Shalom” grüßt.

Für Emanuel Goldfarb wird dieser unbeholfene Lehrer, der die “Besonderheit” seines Wunsches in ungelenke Worte kleidet, zu einem imaginierten Popanz, der Karikatur eines “engagierten” Sozialkundelehrers, auf die Goldfarb im Laufe des Films verbal eindrischt, auf den er all seine Wut ablädt, seine Verzweiflung, seinen Hass, den Unmut über Unverstandensein und zerbrochenes Selbstverständnis … und über den ständig lastenden Vorwurf seiner Mutter, nur ja kein “Risches” zu machen, d.h. niemandem Anlass zu geben sich über “den Juden” zu beschweren.

Er agiert cholerisch und aggressiv, selbstbewusst und stolz. Er ist kein Opfer, kein “Jammerjude” kein “Issak Landauer” und kein “Jud Süß”, duckt sich nicht, tritt nicht nach unten.

Er tritt sich selbst. Wenn er in seiner Wohnung förmlich “im allerkleinsten Kreise” auf und ab gehend und sein Diktiergerät bearbeitend, mit dem – nur durch sein “empörendes” Schreiben anwesenden – Sozialkundelehrer spricht.

Er quält sich mit Erinnerungen und Gesichten, schlägt sich bildlich an Brust und schreit, wandert, grübelt und verdammt, und er entspricht damit der Ikone des “ewigen Juden”, der Lion Feuchtwanger in seinem sensationellen Weltbestseller ein Denkmal setzte und dabei gleichzeitig mit Ben Becker so gar nicht dem, was Veit Harlan und Spießgesellen auf ewig ins kollektive Gedächtnis der Welt brennen wollten.

“Sie entsprechen ja so gar nicht dem Bild, das man sich von einem typischen Juden macht” fällt auch prompt einem überraschend aufmerksamen Zuschauer bei einer “Sondervorstellung mit Anwesenheit des Hauptdarstellers und anschließender Diskussion” ein.

Nein, natürlich nicht. Das ist ja der Witz. Auch dies einer der vielen Stolpersteine und Inkonsistenzen, die dem Film vorgeworfen werden und die sicher, teils aus filmisch-dramaturgischen, teils künstlerisch-intellektuellen Gründen, bewusst gesetzt oder ungewollt hervorgerufen werden und zur Auseinandersetzung zwingen, die nachdenklich machen und manchmal verärgern, stören und piesacken, versöhnlich stimmen und erklären.

Henryk M. Broder schreibt in seinem Verriss des Films für das Hamburger Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL – übertitelt “Der ewige Gute”:

“Die Schwächen des Textes von Lewinsky, der letztes Jahr bei Rotbuch erschienen ist, werden im Film noch potenziert. Er reiht Plattitüde an Plattitüde, angefangen von dem Juden, der aus dem englischen Exil nach Deutschland zurückkehrt, “weil es im Englischen kein Wort für Gemütlichkeit gibt”, bis zu dem Uralt-Witz von den jüdischen Familien, die gezwungen wurden, sich Namen zu kaufen, seitdem “Treppengeländer” und “Schweißloch” heißen und darauf noch stolz sind.”

Die Schwächen des Filmes sind seine Stärken. Sie nehmen den, nicht in einer jüdischen Kultur Aufgewachsenen mit, holen ihn da ab wo er steht: im Kreise seiner versammelten Vorurteile und von falsch verstandener political correctness windelweich geprügelten und völlig verstörten Einstellungen, “Lea-Rosh-Betroffenheitsgesichtern” und Ignatz-Bubis- und Paul-Spiegel-Zitaten.

Der Film zeigt einen Juden als das, was er ist: einen Menschen, mit dem man sich getrost identifizieren kann und soll …

… keinen “durchgeknallten Juden” wie in “Dani Levys exzellenter Komödie “Alles auf Zucker”“, wie Broder schwärmerisch bemerkt – deutlich machend, mit wem er sich wohl eher identifiziert hat.

Zugegeben, Henry Hübchen ist der Sympathischere der beiden, zum tief erschütterten Weinen bewegt Ben Becker.

Trackbacks

  1. THÜRINGER BLOGZENTRALE; Pessach
    03.04.2007, 20:48 Uhr

Kommentare

  1. Ich habe zwar nur die letzte halbe Stunde sehen können, fand dies aber nicht übertrieben gelungen.

    - wer die Situation kennt (ob nun von sich oder aus seinem Umfeld) wird bei vielem nur die Achseln zucken..Ben Becker sagt ja nichts Substantielles zu seiner Jüdischkeit oder inhaltlich bemerkenswertes, sondern nudelt im Grunde nur sattsam bekanntes (deswegen aus der Sicht des juden nicht unbedingt weniger durchlebtes) herunter. Einfach zu Banal, das ganze.

    - dieses-sich-einen-Kopf-machen-was-das-eigene-judentum eigentlich ist.. mag eine wichtige Rolle spielen.. in dieser relativen Flachheit find ichs nicht “bewegend”, oder gar “erschütternd”, sondern eher etwas larmoyant..auch nicht weiter schlimm, öde halt.

    - vielleicht liegt es ja daran, daß ich persönlich dem Fernseh-medium wenig zutraue, und in diesen flachen Bildern jetzt, worin ein Schauspieler monologisiert, durchaus weniger bedeutsames zu erkennen vermag, als z.B. in einem Text.. dieses “Pseudo-Dokumentenhafte-Bekenntnishafte” des Ganzen nervt mich… Attitüde. Nicht weil mich Bekenntnishaftes als solches nervt, sondern weil hier denn letztlich doch der Inhalt zu flach ist. Nun gut, die Geschmäcker sind verschieden, und so soll es auch bleiben.

    - was sagt der Film den wirklich z.B. mal inhaltlich zum Judentum?.. Er bringt das Hadern, die berechtigte Wut… alles letztlich massenkompatible Klischees. Ein jude, der hadert und irgendwo a seinem Judentum leidet? Klar doch, das ist ja das Judentum. Hadern und Leiden, usw. Immer nur Prekäres.

    maxim
    05.04.2007, 09:20 Uhr, #
  2. ich fand den film nicht schlecht.

    thema war wohl: ein schriftsteller/journalist in einer stresssituation.

    stresssituationen können in jedem beruf auftreten, man wünscht sich schulungsfilme.

    zum beispiel: stressbewältigung für direktoren
    (beispiel klaus herzberg), in der hauptstelle der arbeitsagentur mit obdachlosen?

    Sven
    05.04.2007, 10:27 Uhr, #
  3. Scheiß Film, hab nach 5 Minuten jüdischen lamentierens Ohrenbluten bekommen…

    Jürgen
    07.04.2007, 01:06 Uhr, #
  4. jüdischkeit war auch thema bei der arte-kurt-gerstein-doku.

    hat goldfarb angst vor der regel, der gerstein wohl angst vor der ausnahme, dem ersten mal.

    auch gerstein hat scheinbar eine monolog platte aufgenommen, mit einem griechischischen text.
    gut, wenn die mit hungriger musik unterlegt neu auf den markt käme.

    sven
    07.04.2007, 20:49 Uhr, #
  5. Danke für diesen wahnsinnig guten Film. Jedes Wort, jede Geste, traumhaft authentisch, man muß den Film mehrmals sehen, es sind tiefgehende Wahrheiten darin. Herzliche Grüße an Ben Becker.

    Anna
    10.04.2007, 12:20 Uhr, #
  6. kann ich einen Kommentar schreiben?
    Das war das Beste , das ich je an schauspielerischer Leistung gesehen habe .
    die botschaft wurde sehr deutlich an den betrachter herabgebracht. das rätsel von dem darsteller selbst gelöst. königliches können.

    Anonymous
    18.11.2007, 23:19 Uhr, #
  7. der film war meiner meining nach absolut langweilig…

    Anonymous
    14.05.2008, 20:44 Uhr, #
  8. was schlimmeres als den film gibt es nicht!!!

    Anonymous
    14.05.2008, 20:50 Uhr, #

Kommentar verfassen

Bitte an die Netiquette halten. Name und E-Mail sind Pflichtangaben,
E-Mail wird nicht veröffentlicht

Autor Sven

Datum 27.12.2006, 19:16

Tags , ,

Share  auf Facebook teilen via twitter teilen auf delicious.com speichern

medienrauschen.de ist eine Veröffentlichung der medienrauschen UG (haftungsbeschränkt), medienrauschen.com
2004-2010, Alle Rechte vorbehalten. Die Rechte der einzelnen Einträge liegen bei den jeweiligen Autoren.
Datenschutzrichtlinien. Weitere Informationen: Medienrauschen, Archiv, Impressum, Kontakt