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Die Vermessung der Welt

Das erfolgreichste belletristische Buch 2006, kurz vor Weihnachten wieder auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste, ist eine fulminante Enttäuschung. Nach all diesen, mehr als überschwenglichen Elogen auf den jungen, vielversprechenden Dichter, bleibt das – über alle bisher bekannten Erträglichkeitsgrenzen hinaus – gepriesene Werk um Einiges hinter den Erwartungen zurück, die seine Rezensenten in den wesentlichen deutschen Feuilletons wecken.

Diese Kritiker, offenbar froh endlich mal keinen, völlig frei zusammenassoziierten Text eines aufstrebenden Nachwuchsliteraten auf dem Schreibtisch gehabt zu haben, loben dann eben schon “Die Vermessung der Welt” bis zum Gehtnichtmehr.

Alle Kritiker?

Nein, nicht alle, nur der Spiegel erlaubt sich eine mutige Mindermeinung.

Daniel Kehlmann kann sich über mehr als 60 Wochen in den Bestsellerlisten, vierzig davon auf Platz 1, Kritikerlob, Literaturpreise und zahlreiche Übersetzungen freuen.

Wofür? Weil er ein Wunder vollbracht hat.

Nicht jedoch das Wunder eines überragenden und alles bisher Dagewesene in den Schatten stellenden Romans.

Ein Roman in dem sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts zwei junge Deutsche an die Vermessung der Welt machen.

Der eine, Alexander von Humboldt, kämpft sich durch Urwald und Steppe, befährt den Orinoko, kostet Gifte, zählt Kopfläuse, kriecht in Erdlöcher, besteigt Vulkane und begegnet Seeungeheuern und Menschenfressern.

Der andere, der Mathematiker und Astronom Carl Friedrich Gauß, der sein Leben nicht ohne Frauen verbringen kann und doch in der Hochzeitsnacht aus dem Bett springt, um eine Formel zu notieren – er beweist auch im heimischen Göttingen, dass der Raum sich krümmt. Alt, berühmt und ein wenig sonderbar geworden, treffen sich die beiden 1828 in Berlin. Doch kaum steigt Gauß aus seiner Kutsche, verstricken sie sich in die politischen Wirren Deutschlands nach dem Sturz Napoleons.

„Die Vermessung der Welt“ ist ein raffiniertes Spiel mit Fakten und Fiktionen, ein philosophischer Abenteuerroman von seltener Phantasie, Kraft und Brillianz.“

Verlagswerbung

Das Buch ist ein abgekartetes Spiel mit Personen und Plätzen. An seinen besten Stellen recht unterhaltsam bis schwach witzig, an seinen schlechtesten ein echter Blätterrausch.

Kehlmann ist jedoch trotzdem ein Wundertäter. Er hat nämlich einen Nerv getroffen. Einen, der schon länger offen daliegt: semifiktionale Biographien sind ein Renner, nicht erst seit Stefan Zweig, wohl aber um Einiges elektrisierender, weil er sich von der betulichen Atmosphäre der Vorlagentreue des historischen Romans bis zur Schmerzgrenze entfernte und das Skelett der jeweiligen Vita des Mathematikerfürsten Gauß und des Naturforschergenies Humboldt mit schreiend bunten Fetzen groteskester Charaktereigenschaften behing, historische Ereignisse und Personen der Zeitgeschichte ungezügelt dazwischenstopfte und das Ganze in einen dandyhaften Duktus der pragmatischen Abgeklärtheit und durch indirekte Rede, oft recht humorvoller Dialoge kleidete.

Das ist neu. Und das hat wohl auch die meisten Leser bei der Stange gehalten, wenn der junge Bestsellerautor sich, vor allem in der Beschreibung der Humboldtschen Expeditionen, wieder einmal in unendlichen Aufzählungen naturwissenschaftlicher und biographischer Einzelheiten erging. Kehlmann selbst, beschreibt seinen eigenen Stil recht treffend, Humboldt karikierend, so:

„Er erzählte gut, bloß verlor er sich immer wieder in den Fakten: Er berichtete so detailliert über Ströme und Druckschwankungen, über das Verhältnis von Höhenlage und Vegetationsdichte, über den feinen Unterschied der Insektenarten, daß mehrere Damen zu gähnen begannen“

Das Buch lebt von dem Wiedererkennungswert des Lehrplans der Oberstufe, seiner ironischen Brechung und grotesken Überzeichnung: Humboldt und Gauß als Muppet-Opas Waldorf und Statler oder als Delling und Netzer. Goethe = Dieter Bohlen, Kant = Jopie Heesters.

Das unterhält und ist damit sicher „der komischste deutsche Roman dieses Jahres“, wie die Süddeutsche schreibt, und auch Marcel Reich-Ranicki möchte man – partiell – zustimmen: „Intelligenz, […] und fabelhafte Dialoge“. Jawoll, die sind tatsächlich das Beste, ja Eigentliche an diesem Buch.

Aber ganz sicher ist dies kein „großes“ Buch und auch nicht „tiefgründig“, auch wenn manchmal der Anschein philosophischer Durchdringung erweckt wird. Nein, Tiefe erreicht es, auch bei ermüdender Faktenhäufung und überzeichneten Charakterstudien, nie. Es geht über die wirklich entscheidenden Fragen hinweg wie ein Hollywoodfilm, der die, in Nachtwind und Mondschein wehende Gardine des Schweigens über das eigentlich Interessante breitet, so wie in der einzigen echten Liebesszene, die, stellvertretend für den gesamten Roman, die Weltfremdheit des Protagonisten zelebriert:

„Als er seine Hand über ihre Brust zum Bauch und dann, er entschied sich, es zu wagen, obwohl ihm war, als müsse er sich dafür entschuldigen, weiter hinabwandern ließ, tauchte die Mondscheibe bleich und beschlagen zwischen den Vorhängen auf, und er schämte sich, daß ihm ausgerechnet in diesem Moment klar wurde, wie man Meßfehler der Planetenbahnen approximativ korrigieren konnte. Er hätte es gern notiert, aber jetzt kroch ihre Hand an seinem Rücken abwärts. […] und erst als sie ihn an sich zog, bemerkte er, wie nervös er eigentlich war, und für einen Augenblick wunderte es ihn sehr, daß sie beide, die kaum etwas voneinander wußten, in diese Lage geraten waren. Doch dann wurde etwas anders , und er hatte keine Scheu mehr, und gegen Morgen kannten sie einander schon so gut, als hätten sie es immer geübt und immer miteinander.“

Als hätte es Bukowski oder Houellebecq nie gegeben. Also keine Erotik. Eher „Tod in Venedig“ als „Stille Tage in Clichy“. Muß ja ja auch nicht sein, ein Buch kann ja tief berühren, ohne zu befriedigen oder vielleicht gerade deswegen. Aber „Die Vermessung der Welt“ tut weder das eine, noch das andere.

Kehlmann unterhält; intelligent und witzig, ist das Beste, das man von diesem Buch sagen kann. Und das ist für einen Einunddreißigjährigen in unseren Zeiten allerdings schon allerhand.

Gelesen ist er schnell, der Kehlmann. Und er hinterläßt Fragen, keine inhaltlichen, wie gesagt, eher vielleicht diese:

War das jetzt alles?

Kommentare

  1. ich habe das buch gelesen und bin davon überzeugt, dass es sicherlich geeignet ist ds buch weiterzuempfehlen, da es mal was anderes in diesem buch zu lesen gibt als in den alltäglichen romanen.

    abcd
    19.12.2008, 13:29 Uhr, #

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Autor Sven

Datum 27.12.2006, 18:52

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